Landesrat zur Impfrate: „Weit vom Ziel entfernt“

Vorarlberg / 26.04.2019 • 21:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Land Vorarlberg und aks wollen der Impfskepsis mit einer Aufklärungskampagne entgegentreten.

Bregenz Masern sind ein Problem. Heuer sind in Österreich bereits 76 Masernfälle gemeldet worden. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2018 waren es 77 Meldungen, geht aus Daten der Agentur für Ernährungssicherheit hervor. Die meisten Fälle gab es mit 36 in der Steiermark. In Vorarlberg und Oberösterreich gab es jeweils einen gemeldeten Fall. Mittlerweile könnten Infektionskrankheiten, die häufig als Kinderkrankheiten verharmlost werden, weitgehend ausgerottet sein. Gesundheitslandesrat Christian Bernhard (55) ärgert sich: „Als es noch eine gute Impfrate gegeben hat, wäre ein Masernfall kein Thema gewesen. Das Virus darf nicht wieder Fuß fassen. Wir haben die Masern eigentlich schon endgültig hinter uns gelassen.“

Niedrige Durchimpfungsrate

Um Masernkleinepidemien zu verhindern, müssten über 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft sein. „Davon sind wir weit entfernt“, sagt Landesanitätsdirektor Wolfgang Grabher. Österreichweit liegt die MMR-Durchimpfungsrate (Masern, Mumps, Röteln) bei der ersten Teilimpfung bei 95 Prozent, was der Zielvorgabe entspricht. Bei der zweiten Teilimpfung liegt die Rate nur noch bei 81 Prozent. Wie hoch die Durchimpfungsrate bei anderen Krankheiten ist, soll bis Sommer feststehen. Das Land wartet noch auf Zahlen aus dem Ministerium.

Wenn es ums Thema Impfen gehe, sei es schwer geworden, sich wissenschaftlich fundiert zu informieren, so Bernhard. Deshalb starten die Landesregierung und das aks eine Aufklärungskampagne in Bezug auf Kinderimpfungen. „Das Interesse an objektiven Informationen ist da“, fährt Bernhard fort. Welche Informationen das sind, wird nun erhoben. Zunächst sollen Fragen gesammelt werden. Welche Impfstoffe sind in welcher Impfung? Welche Nebenwirkungen gibt es? Zusammen mit unabhängigen wissenschaftlichen Institutionen wie dem Department für evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems werden die Fragen beantwortet. Kirstin Ganahl, wissenschaftliche Leiterin beim aks: „Wir wollen das Thema mit den Eltern auf neutraler Basis aufarbeiten und leicht verständliche Infomaterialien entwickeln.“

Wie hoch letztlich der Anteil an Hardcore-Impfgegnern ist, sei schwer zu eruieren, sagt der Gesundheitslandesrat. „Aber er ist sicher nicht so hoch, dass er die Durchimpfungsrate gefährdet.“ Ganahl pflichtet ihm bei: An Impfgegnern gäbe es lediglich eine kleine, aber sehr laute Gruppe. „Das größte Problem sind die Impfskeptiker.“ Einer Impfpflicht ist Bernhard in der Theorie dennoch nicht abgeneigt. Gesetzlich ist die Bundesregierung dafür zuständig. „Würde der Bund das heute beschließen, wäre ich der letzte, der sich dagegen wehrt. Aber praktisch würde sich die Frage stellen: Wie setzte ich eine Pflicht durch? Mit Zwangsimpfungen? Ich glaube, dann erreichen wir wieder die Falschen.“ Besser wäre es, Impfungen mit Zahlungen im Mutter-Kind-Pass zu verknüpfen, fährt er fort. „Das wäre dann ein Anreizsystem, wie bei den Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass. Diese Idee wird auch mit den Landesgesundheitsreferenten demnächst wieder diskutiert.“

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und soll 280.000 Euro kosten. Ganahl glaubt an den Erfolg dieser Aktion. Ziel sei es, die wertvollen Erfahrungen dieses Projekts in zwei Jahren auf weitere Impfinformationen auszuweiten. VN-TAG, VN-MIP

Impfskepsis in ganz Europa zu spüren

Brüssel Die Impfskepsis ist nicht nur hierzulande, sondern europaweit zu spüren. Angesichts der Gefahr von Epidemien und Todesfällen hat auch die EU-Kommission eine bessere Aufklärung über Impfungen gefordert. Zwar halten 85 Prozent der EU-Bürger Impfungen für wirksam, um ansteckende Krankheiten zu verhindern. 48 Prozent glauben demnach aber fälschlicherweise, dass Impfungen häufig schwere Nebenwirkungen haben. Für eine Eurobarometer-Studie wurden europaweit 27.524 Menschen befragt. In Österreich halten 74 Prozent der Befragten Impfungen für wirksam. Auch in Österreich glauben 38 Prozent, dass Impfungen die Krankheiten auslösen können, gegen die sie schützen sollen, 51 Prozent befürchten schwere Nebenwirkungen. Im vergangenen Jahr gab es 35 Tote durch Masern in der EU. Zwischen 2016 und 2017 hat sich demnach die Zahl der Todesfälle verdreifacht.Für den 12. September ist ein „Globaler Impfgipfel“ angesetzt. VN-TAG, VN-MIP