Demenzkrank: Ein Paar bewältigt sein Schicksal

02.05.2019 • 10:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Paar möchte anonym bleiben.

Elisabeth* pflegt ihren demenzkranken Mann. Sie sind seit mehr als 62 Jahren ein Paar.

Schwarzach. Der Fernseher läuft. Leopold* (91) sitzt auf der Couch und stiert auf die schnell wechselnden Bilder. Man merkt, dass er dem Geschehen auf dem Bildschirm nicht folgen kann. Das scheint den alten Mann aber nicht zu stören. Er macht einen zufriedenen Eindruck.

Seine Frau Elisabeth*, die seit 1957 an seiner Seite ist, räumt unterdessen das Frühstücksgeschirr vom Tisch. Der 86-Jährigen fiel vor eineinhalb Jahren auf, dass der Gefährte, mit dem sie seit mehr als 60 Jahren das Leben teilt, kognitiv nicht mehr folgen konnte. „Bei Gesprächen merkte ich, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er verstand mich nicht mehr.“ Ein Arzt diagnostizierte das, was sie bereits befürchtet hatte: eine Demenzerkrankung. „Das war das Ende unseres bisherigen Lebens.“ Und der Anfang einer ganz schweren Zeit für Elisabeth. Sie musste akzeptieren lernen, dass sich das Wesen ihres Partners komplett veränderte. „Leopold  ist nicht mehr derselbe.“ Bei Elisabeth kam Trauer auf. „Ich trauerte um den Menschen, den ich verloren hatte.“

Auch die Kinder schmerzte es, dass der Papa immer desorientierter und hilfloser wurde. „Die Hülle ist geblieben. Aber die Person, der Mensch als solcher, ist verloren gegangen“, bedauert seine Tochter Anita*. Ihr Vater, ein ehemaliger Kleinunternehmer, war ihr immer ein Vorbild. „Papa brauchte nie Hilfe, hat alles selber gemacht. Er war enorm selbstständig und fällte alle Entscheidungen selbst.“ Für sie ist es eine Ironie des Schicksals, dass jemand, der so eigenverantwortlich war, jetzt wie ein Kleinkind auf Hilfe angewiesen ist und sich in banalen Alltagssituationen nicht mehr zurechtfindet. „Er schaut einen leeren Wasserkrug an und denkt darüber nach, was er damit machen soll. Papa versteht nicht, dass man ihn mit Wasser auffüllt. Er findet keine Lösung und ist verloren, verloren in sich.“

„Die Person geht, die Liebe bleibt“

Seine Frau Elisabeth setzt sich jetzt zu ihm auf die Couch und tätschelt ihn am Rücken. Dass er ihren Namen nicht mehr weiß und stattdessen „die von da“ sagt, hat sie akzeptiert. Ebenso, dass er ihr seine Zuneigung nicht mehr zeigt, sie nicht mehr in die Arme nimmt oder küsst. Auch das ging mit Leopold verloren. Doch das mindert nicht Elisabeths Liebe zu ihm, denn diese Liebe steht auf einem festen Fundament: 63 gemeinsame Jahre. „Die Person geht. Die Liebe bleibt.“ So knapp und schlicht beschreibt Elisabeth die Gefühle, die sie für ihren Mann hegt.

„Leopold sang so schön, dass mir die Tränen kamen.“

Elisabeth, pflegende Ehefrau

Weil sie ihren Ehemann liebt und selbst gesundheitlich noch gut beieinander ist, trägt die 86-Jährige gerne die Hauptlast der Pflege. Sie hilft ihm bei der Morgenroutine, zieht ihn an, kocht für ihn, nimmt ihn mit zum Einkaufen, besucht mit ihm Bekannte und geht mit ihm spazieren. Gemeinsam essen sie, gemeinsam machen sie einen Mittagsschlaf, gemeinsam gehen sie abends zu Bett. Elisabeth muss ständig präsent sein. Wenn sie ihn allein lassen würde, ginge er außer Haus gehen und fände nicht mehr heim. „Das ist auch schon passiert. Einmal hat er eine Abkürzung im Wald genommen und ist abgestürzt. Eine Nachbarin fand ihn verschmutzt und mit blauen Flecken“, erinnert sie sich mit Schrecken. Seither ist immer jemand bei Leopold.

Eine Mohi-Helferin unterstützt Elisabeth an drei Vormittagen. „In dieser Zeit kann ich einiges erledigen, zum Beispiel zum Friseur oder Zahnarzt gehen oder, einmal im Monat, mit meinen Freundinnen jassen.“ Manchmal geht sich für Elisabeth sogar ein Tagesausflug aus. „Dann engagiere ich noch eine Frau, die auf Leopold schaut.“ Heute wird sie mit ihrem Mann, der viele Jahre dem Kirchenchor angehörte, wieder eine Seniorenveranstaltung besuchen, bei der gesungen wird. „Beim letzten Mal sang Leopold so schön, dass mir die Tränen kamen.“ Das waren  Momente, die für Elisabeth unbeschreiblich ergreifend waren.  

*Namen von der Redaktion geändert

Von der Politik enttäuscht

In Vorarlberg sind rund 17.000 Menschen pflegebedürftig. „70 Prozent davon werden daheim gepflegt“, sagt Rita Fontanari (67), die die Interessenvertretung für pflegende und betreuende Angehörige von 2011 bis 2018 als Obfrau leitete. Fontanari, die seit 21 Jahren ihren Mann pflegt, ist von der Politik enttäuscht.  „Ich habe für uns pflegende Angehörige gekämpft, aber nichts erreicht“, bedauert sie. Die politischen Vertreter würden nur reden, aber nichts für diese Gruppe tun. „Jetzt kosten wir ja nix.“ Fontanari hat mehrere Forderungen an die Politik: „Das Pflegegeld sollte um 35 Prozent erhöht und der Mobile Hilfsdienst günstiger werden. Außerdem müssten pflegende Angehörige von Anbeginn (also ab Pflegstufe 1) pensionsversichert sein und nicht erst ab Pflegestufe 4.“ Dann, so ist Fontanari überzeugt, würden mehr Menschen daheim gepflegt. Den heimischen Politikern empfiehlt sie, über die Grenze zu schauen. „In der Schweiz sind pflegende Angehörige bei einem Verein angestellt und bekommen ein Grundgehalt. Das funktioniert super.“