„Lösungsvorschläge statt Zukunftsängste“

05.05.2019 • 16:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Josef Kittinger (l.) und Hans-Joachim Gögl sind die Köpfe hinter den Tagen der Utopie in Götzis. Anja Köhler
Josef Kittinger (l.) und Hans-Joachim Gögl sind die Köpfe hinter den Tagen der Utopie in Götzis. Anja Köhler

Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl über die Tage der Utopie.

Gernot Schweigkofler

götzis Ab heute finden im Bildungshaus St. Arbogast die Tage der Utopie statt. Ein buntes Programm mit Vorträgen und Workshops wird auch dieses Jahr über 1000 Besucher nach Götzis bringen. Für das Programm zeichnen die beiden Kuratoren Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl. Die VN haben sich mit ihnen unterhalten.

 

Am Montag starten die Tage der Utopie: Auf welche Veranstaltung freuen Sie sich am meisten?

Gögl Unser Ziel war immer, ein Kaleidoskop von Lösungsvorschlägen zu verschiedenen gesellschaftlichen Fragen zur Diskussion zu stellen. Heuer sind das kraftvolle Zukunftsbilder zu neuen Arbeitsformen, einem gerechten Internet, innovativen Prozessen der Dorf- und Stadtentwicklung, politischer Kommunikation oder Entwicklungszusammenarbeit. Der rote Faden ist nicht ein Sonderthema, aber die Orientierung auf das Gemeinwohl, Kooperation und der Mut zum Ausprobieren spielen immer eine Rolle. Der Erfolg dieser Haltungen in den präsentierten Pionierprojekten freut mich am meisten.

 

Die Struktur der Tage der Utopie sieht jeweils einen Vortrag  und einen Workshop vor: Worin liegen die Vorteile dieses Formats?

Kittinger Es ermöglicht vielen Menschen, an einzelnen Festival­abenden teilzunehmen und interessanten Referenten zu aktuellen Themen zu begegnen, die nicht nur Probleme benennen, sondern Lösungsbilder entwerfen. Danach gibt es angeregte Gespräche im lockeren Rahmen. Die Workshops bieten die Möglichkeit, vertiefend nachzufragen und sich vor allem über praktische Umsetzungen auszutauschen und zu vernetzen.

 

„Entwürfe für eine gute Zukunft“ – das ist der Leitsatz der Tage der Utopie: Blicken Sie persönlich optimistisch in die Zukunft?

Gögl Mich irritiert der Erfolg von Serien wie „House of Cards“, in denen der Beruf des Politikers und die Arbeit für die Gemeinschaft so extrem abgewertet werden. Auch die Rolle von exzessiver Gewalt und Zukunftsängsten, die in unserer Unterhaltungskultur so gegenwärtig sind wie noch nie. Ich glaube, dass dies Werte und Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Solidarität, Mitverantwortung für das Ganze schwächt und Angst und Misstrauen stärkt. Im Gegenzug nehme ich schon in Vorarlberg eine Reihe von Persönlichkeiten und Initiativen wahr, die eine zukunftsweisende, tolle Arbeit machen, z. B. im Bereich innovativer Beteiligungsformen in der Industrie, ökologischer Landwirtschaft, Handwerk und Design. Nicht zu vergessen die Sonntagsdemonstrationen, die der Furcht die Begegnung und die Zusammenarbeit gegenüberstellen. 

 

Die Tage der Utopie gibt es seit 2003. Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?

Kittinger Das Konzept hat sich bewährt, das zeigen die Besucherzahlen. Neu sind zum Beispiel die „WIRKstätten der Utopie“, die 2013 gegründet wurden. Ideen, die während des Festivals entstehen, werden bis zu umsetzungsreifen Prototypen begleitet. Ein Beispiel ist der „Bänkle-Hock“, ein einfaches, dezentrales Dorffest, das in Nüziders erstmals durchgeführt wurde. Mittlerweile hat es via frei zugänglicher Bedienungsanleitung in vielen Gemeinden im deutschsprachigen Raum Anwender gefunden.  

 

Welche Utopien früherer Jahre fanden Widerhall in unserer Lebensrealität?

Kittinger Utopien, Visionen sind für uns keine fertigen Konzepte, sondern vielmehr wie Leitsterne, die uns die Richtung weisen. Als Jörg Schindler 2005 über die „postfossile Welt“ sprach, klang das in vielen Ohren recht „utopisch“. Heute reden wir in Europa immerhin schon über Zeitpläne und Umsetzungsstrategien. Aber es ist offensichtlich noch ein langer Weg.

 

Was erwartet Besucher, die bisher noch nie teilgenommen haben?

Gögl Wenn wir über Zukunft sprechen, sind wir alle daran gewöhnt, dass oft die Probleme, die Defizite und die Sorge im Vordergrund stehen. Bei den Tagen der Utopie geht es um Lösungsvorschläge, Visionen und gelingende Beispiele aus der Praxis. Dazu gibt es vor jedem Vortrag eine Auftragskomposition zum Thema und nach dem Beitrag eine musikalische Improvisation. Diese Kombination macht vielleicht die besondere Atmosphäre der Abende aus, wie wir immer wieder hören.