Beim Aussterben zusehen

Vorarlberg / 06.05.2019 • 19:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Experten warnen: Auch in Vorarlberg schreitet das Artensterben voran.

Schwarzach Wer vor 30 Jahren auf der Rheintalautobahn unterwegs war, musste die Frontscheibe seines Autos reinigen. Insekten, alles voller Insekten. Heute bleibt die Scheibe sauber, das ist dramatisch. Nicht nur im Land, auf der ganzen Welt nimmt das Artensterben alarmierende Ausmaße an. Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) der UNO zeigt nun: Von den acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit ist rund eine Million vom Aussterben bedroht.

In Vorarlberg zählt der große Brachvogel dazu. Johanna Kronberger, Obfrau von Birdlife Vorarlberg, warnt: „Man kann zusehen, wie er langsam ausstirbt.“ Derzeit gebe es noch ungefähr sechs Brutpaare des Brachvogels in Vorarlberg. 1981 wurden 40 Paare gezählt. Auch die Feldlerche ist stark unter Druck geraten, wie Kronberger weiter ausführt. Beiden Vögeln könnte es bald wie der Uferschnepfe gehen: Sie verschwindet aus Vorarlberg. Der Brachvogel und die Feldlerche sind Wiesenbrüter. „Den Waldvögeln geht es vergleichsweise gut. Durch Lebensraumzerstörung und Bauprojekte wie den Bikepark sind aber auch dort Vögel wie das Auerhuhn massiv unter Druck“, warnt die Birdlife-Obfrau.

Cornelia Peter von der Umweltabteilung des Landes erläutert: „Die Lebensräume gehen zurück. Das ist für die Vögel genauso ein Problem wie für den Laubfrosch.“ Die inatura führt rote Listen, in denen gefährdete Pflanzen- und Tierarten aufgelistet sind. Die Liste für Amphibien wird derzeit von Markus Grabher aktualisiert. Er sagt: „Der Laubfroschbestand ist seit den 90er-Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen.“ Nur am Bodensee und vereinzelt im Rheintal sei er noch zu finden. Selbiges gelte für den Kammmolch. „Den müssen wir wohl als stark gefährdet einstufen“, betont er.

Auch einige Schmetterlinge sind bedroht. Peter Huemer stellte im Jahr 2001 fest, dass 132 Arten in Vorarlberg bereits ausgestorben oder verschollen sind, also sechs Prozent aller bekannten Schmetterlingsarten. „Insgesamt sind 38 Prozent der Landesfauna in unterschiedlichem Ausmaß gefährdet“, schrieb er in seinem Forschungsbericht.

Die Probleme sind überall gleich: Die Lebensräume gehen zurück. Petra Häfele, Regionsmanagerin des Rheintals, schildert: „Im Walgau und im Rheintal gibt es noch rund 1200 Hektar Streuwiesen. Aber der Druck steigt.“ Einerseits dehnen sich Siedlungen aus, andererseits erleichtern Maschinen das Mähen in der Landwirtschaft. Und Rasenmäherroboter in Privatgärten sind der Horror der Artenvielfalt. Cornelia Peter verweist auf eine Studie, wonach die Insektenmasse in Wiesen um 70 Prozent zurückgegangen ist. Insekten bestäuben und dienen als Nahrung für Fledermäuse oder diverse Vögel. „Die Insektenfresser haben es besonders schwer“, stellt Kronberger von Birdlife fest.

Der Weltbiodiversitätsrat schlägt jedenfalls Alarm: Das Ausmaß des Artensterbens war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute. VN-mip

Ein halbes Dutzend Brachvogel-Paare soll es noch im Land geben. Manfred Waldinger
Ein halbes Dutzend Brachvogel-Paare soll es noch im Land geben. Manfred Waldinger
Es gibt noch 20 bis 30 Reviere von Feldlerchen in Vorarlberg. Michael Dvorak
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Der Laubfrosch-Bestand ist um mehr als die Hälfte zurückgegangen. www.umg.at
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Der Kammmolch findet kaum noch Lebensräume in Vorarlberg. www.umg.at
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