Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ich höre sie lachen

Vorarlberg / 06.05.2019 • 05:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich höre sie lachen“, sagte der Mann zu seiner Frau, und er drückte sein Ohr an die Wand. Jedes Mal, wenn er ihr Lachen hörte, durchfuhr ihn die Sehnsucht, und er dachte sich, was passiert gerade, wenn sie lacht. Er und seine Frau lachten selten.

„Sie lacht schon wieder“, sagte seine Frau. „Das ist doch penetrant, wahrscheinlich ist sie einfach gestrickt im Kopf.“

„Was soll das heißen!“, sagte ihr Mann. „Da müssten wir zwei, die wir fast nie lachen, geradezu Intellektuelle sein. Sind wir das?“

„Wir sehen die Welt und was darin passiert mit offenen Augen, und deshalb ist uns das Lachen vergangen“, antwortete ihm seine Frau.

„Wann haben wir je gelacht?“, fragte der Mann.

„Über deine Witze, erinnerst du dich, du hattest drei Standardwitze, Kinderwitze, die du immer wieder erzählt hast, um die Leute zu amüsieren, harmlos und gut gelaunt.“

„Meinst du den: Wonach sehnt sich die Katze?“

„Nach dem Muskelkater.“

Mann und Frau sahen sich an, aber sie lachten nicht. Jeder schaute in einen Teil der Zeitung, sie las die Kultur, er die Politik.

„Er hörte langsame Schritte, dann öffnete sich die Tür, und eine Frau mit Krücken öffnete.“

Einmal, nur einmal, wollte der Mann die lachende Frau sehen, er ging langsam die Treppe hinauf, dachte, jetzt ist Abend, da wird sie von der Arbeit kommen, denn um diese Zeit fängt ihr Lachen an. Ein Fremder überholte ihn und öffnete die Nachbarstür. Er war groß und bärtig, hatte derbe Schuhe an, und aus seiner Tasche ragte ein Stück Lauch.

„Guten Tag, Nachbar!“, sagte der Mann zu dem Fremden. „Wir kennen uns nicht.“
Er reichte ihm die Hand. Der Fremde stellte seine Tasche ab und grüßte.

„Verzeihen Sie“, sagte er, „mein Deutsch ist schlecht, ich bin Russe.“

„Sollten Sie etwas brauchen“, sagte der Mann und wies auf seine Tür, „Sie können jederzeit bei uns klingeln.“

Der Fremde lachte und salutierte zum Spaß.

„Oder wollen Sie einmal auf einen Schluck zu uns kommen? Meine Frau und ich würden uns freuen. Wohnen Sie allein?“

Scheinheilig hatte der Mann gefragt, und der Fremde sagte: „Ich habe Liv, meine Frau. Wir kommen. Danke. Gern.“

Tage vergingen, das Lachen am Abend wiederholte sich, aber die Nachbarn kamen nicht auf Besuch.

Der Mann hielt es nicht mehr aus, so sehr plagte ihn die Neugierde.

Er klingelte an der Nachbarstür. Er hörte langsame Schritte, dann öffnete sich die Tür, und eine Frau mit Krücken öffnete.

„Liv?“, fragte der Mann und sah in ihr reizendes Gesicht, es war das Gesicht einer dicken Frau mit Grübchen und weißer Haut. „Ich bin der Nachbar. Ich wollte Sie auf einen Tee einladen.“

„Wie süß“, sagte die Frau und verlegte ihr Gewicht auf eine Krücke. „Kommen Sie doch herein. Trinken wir erst bei mir einen Tee! Zucker?“

Als er in dem tiefen Sessel saß, hörte er ihr Lachen. Immer wollte ich hier sitzen, dachte sich der Mann. Nun sitze ich hier.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.