„Mein Mann wird mir immer fehlen“

06.05.2019 • 16:54 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Trudi Thurnher wird 100 Jahre alt und macht noch alles selbst.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz Frau Thurnher erzählt gern von früher. Wenn sie Episoden aus ihrer Kindheit schildert oder über ihren verstorbenen Ehemann spricht, leuchten ihre Augen. Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind vorwiegend mit Fliegeralarm und langen Aufenthalten in Luftschutzräumen verbunden. Es habe aber auch schöne Momente gegeben.

In vier Monaten feiert Gertrud „Trudi“ Thurnher ihren 100sten Geburtstag. Die Anzahl der Lebensjahre sieht man der agilen, schönen Frau indes nicht an. Sie selbst sagt dazu: „Es geht mir gut. Mir fehlt nichts. Ich mache noch immer alles selbst.“

Frau Thurnher empfängt an diesem kühlen Mai-Nachmittag in ihrem Einfamilienhaus in Bregenz-Rieden. Hier wohnt sie mit ihrer 13-jährigen Labradorhündin Cora. Zurzeit ist Sohn Armin daheim, weil er einen Vortrag hält. Der Herausgeber der Wochenzeitung „Falter“ lebt in Wien. Tochter Inge besucht ihre Mutter fast täglich. „Wir gehen zusammen mit dem Hund spazieren, meistens auf die Fluh“, berichtet Trudi Thurnher.

Sie kam am 8. August 1919 in Rieden zur Welt, wuchs hier auf und ist geblieben. „Ich hatte eine schöne Kindheit mit viel Freiheit“, sagt Frau Thurnher. „Im Sommer etwa war ich mit anderen Kindern in der Bregenzerach baden. Wie haben uns an Baumstämmen festgehalten und uns treiben lassen.“ Heutzutage dürfen Kinder so etwas nicht mehr tun, fügt sie hinzu und schmunzelt.

Trotz der schwierigen Verhältnisse, die in den 1930er-Jahren im Land herrschten, hat Trudi Thurnher eine gute Ausbildung absolviert: vier Jahre Volksschule, vier Jahre Hauptschule, zwei Jahre Handelsschule, ein Jahr Hauswirtschaftsschule Marienberg. Danach arbeitete sie im Gasthaus Zoll mit, das ihre Eltern betrieben haben. 1937 bekam sie eine Stelle im Finanzamt. Dort war sie auch während des Krieges beschäftigt. „Jedes Mal, wenn die Sirenen losgingen, mussten wir in den Luftschutzkeller hinunter und die Schreibmaschinen mitschleppen. Die waren sehr, sehr schwer.“

Zuhause in Rieden flüchtete die Familie bei Fliegeralarm in den nahen Bunker unter der Schule Riedenburg.

Als am 1. Mai 1945 die Alliierten Bregenz bombardierten, habe sie einmal mit ihrer Familie den Bunker verlassen, um nachzuschauen, ob das Gasthaus Zoll noch stand: „Unter Tieffliegerbeschuss liefen wir entlang der Hecken zum Gasthaus. Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Im Elternschlafzimmer fanden wir einen Granatsplitter, der ein Loch ins Bett gebrannt hat.“

Zu den schönen Momenten im Krieg zählt sie die liebevolle Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Georg Thurnher. Das Paar hat 1947 geheiratet. Zwei Jahre später kam Sohn Armin zur Welt, 1953 Tochter Inge.

Lange, glückliche Ehe

„Georg und ich haben eine lange, glückliche Ehe geführt“, erzählt Trudi Thurnher. „Er war ein wunderbarer Mensch.“ Er starb 2006 im Alter von 89 Jahren. „Ich war zwar vorbereitet, weil Georg krank war, aber dann das Endgültige zu ertragen, war schwer.“ Sie habe zwar gelernt, mit dem Leben ohne ihn zurechtzukommen, „aber er fehlt mir heute noch genauso wie damals“. Im Haus erinnert sie nahezu alles an ihn. Zum Beispiel die Landschaftsmalereien in Aquarell und Öl an den Wohnzimmerwänden: „Georg hat sie gemalt. Er war ein Künstler.“ Sein Tod war das schlimmste Ereignis in Frau Thurnhers Leben. „Hätte ich einen Wunsch frei, wünschte ich mir, dass Georg zurückkommt.“ Gut, dass Cora nach seinem Tod bei ihr eingezogen ist. Die Hündin weicht seitdem nicht mehr von ihrer Seite. „Cora spürt, ob ich fröhlich oder traurig bin“, weiß die Witwe.

Dass sie geistig und körperlich so fit ist, führt Frau Thurnher großteils auf ihre Lebensweise zurück. „Ich habe immer bewusst gelebt und auf gesunde Ernährung Wert gelegt.“ Sie kocht jeden Tag frisch, verwendet Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten, den sie selbst in Schuss hält. Sie geht jeden Tag mit dem Hund hinaus. Sie besucht regelmäßig das Montagsforum. Sie liest viel. Im Regal steht eine Brockhaus-Enzyklopädie. Auf die Frage, ob sie darin noch schmökert, antwortet sie: „Nein. Ich habe einen Laptop. Ich informiere mich übers Internet.“ In ihrem Geburtsjahr 19 wurden Rieden und Bregenz vereinigt. Darum wirkt Trudi Thurnher in dem von Erich Langeder produzierten Dokumentationsfilm „100 Jahre an einem Tag – Geschichten über Bregenz-Vorkloster, Rieden, Weidach“ mit. „Der Film erinnert mich daran, dass ich schon sehr alt bin“, bemerkt sie und lacht. „Ich wurde bei den Dreharbeiten in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt.“ Ihre Erinnerungen und ihre Lebensgeschichte schreibt Frau Thurnher jetzt auf. „Für meine Kinder“, sagt sie, und ihre Augen leuchten.

„Ich wurde bei den Dreharbeiten in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt.“

Zur Person

Trudi Thurnher

Geboren 8. August 1919

Wohnort Bregenz

Laufbahn Finanzamtsangestellte, Pensionistin

Familie Witwe, Mutter eines Sohnes und einer Tochter