Tage der Utopie in St. Arbogast: „Lösungsvorschläge statt Zukunftsängste“

Vorarlberg / 06.05.2019 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl sind als Kuratoren für das Programm der Tage der Utopie verantwortlich. Köhler

Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl sind die Kuratoren der Tage der Utopie im Bildungshaus St. Arbogast. Im VN-Interview erzählen sie vom Festival und ihren persönlichen Utopien.

Gernot Schweigkofler

Götzis Ab Montagabend finden im Bildungshaus St. Arbogast die Tage der Utopie statt. Ein buntes Programm mit Vorträgen und Workshops zu den verschiedensten Themen wird auch dieses Jahr über 1000 Besucher nach Götzis bringen. Kein Wunder, die Tage der Utopie bürgen mittlerweile mit ihrem Namen für ausgezeichnete Referenten, die sich nicht scheuen, den Blick über den Horizont hinaus zu richten. Für das Programm zeichnen die beiden Kuratoren Josef Kittinger (66) und Hans-Joachim Gögl (50). Die VN hat sich mit den beiden Leitern der Veranstaltungswoche unterhalten.

Am Montag starten die Tage der Utopie: Auf welche Veranstaltung freuen Sie sich persönlich am meisten?

Hans-Joachim Gögl Unser Ziel war es immer, ein Kaleidoskop von Lösungsvorschlägen zu verschiedenen brennenden gesellschaftlichen Fragen zur Diskussion zu stellen. Heuer sind das kraftvolle Zukunftsbilder zu neuen Arbeitsformen, einem gerechten Internet, innovativen Prozessen der Dorf- und Stadtentwicklung, politischer Kommunikation oder Entwicklungszusammenarbeit. Der rote Faden ist nicht ein Sonderthema, aber in all diesen Zukunftsbildern spielen die Orientierung auf das Gemeinwohl, Kooperation und der Mut zum Ausprobieren eine große Rolle. Der Erfolg dieser Haltungen in den präsentierten Pionierprojekten freut mich am meisten.

Die Struktur der Tage der Utopie sieht jeweils einen Vortrag am Abend und einen vertiefenden Dialog mit dem oder den Referenten am folgenden Tag vor: Worin liegen die Vorteile eines derartigen Formats?

Josef Kittinger Es ermöglicht einerseits vielen Menschen, an einzelnen Festivalabenden teilzunehmen und interessanten Referenten oder Experten zu aktuellen Themen zu begegnen, die nicht nur Probleme benennen, sondern Lösungsbilder entwerfen. Danach gibt es angeregte Gespräche in lockerem Rahmen bei Essen und Trinken, manchmal bis spät in die Nacht. Die Workshops andererseits bieten die Möglichkeit, vertiefend nachzufragen und sich vor allem über praktische Umsetzungen im eigenen Umfeld auszutauschen und zu vernetzen.

„Entwürfe für eine gute Zukunft“ – das ist der Leitsatz der Tage der Utopie: Blicken Sie persönlich optimistisch in die Zukunft?

Hans-Joachim Gögl Mich irritiert der Erfolg von Serien wie z.B. »House of Cards«, in denen der Beruf des Politikers und die Arbeit für die Gemeinschaft so extrem abgewertet werden. Oder auch die Rolle von exzessiver Gewalt und Zukunftsängsten, die in der Unterhaltungskultur derzeit so gegenwärtig sind wie noch nie. Ich glaube, dass das Werte und Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Solidarität, Mitverantwortung für das Ganze schwächt und Angst und Misstrauen stärkt. Im Gegenzug nehme ich auch in meiner nächsten Umgebung in Vorarlberg eine Reihe von Persönlichkeiten und Initiativen wahr, die eine zukunftsweisende, tolle Arbeit machen, z.B. im Bereich neuer innovativer Beteiligungsformen in der Industrie, ökologischer Landwirtschaft, Handwerk und Design oder einer Schule, die das Kindeswohl und die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt. Nicht zu vergessen die Sonntagsdemonstrationen, die der Furcht die Begegnung und die Zusammenarbeit gegenüberstellen.

„Die Sonntagsdemonstrationen stellen der Furcht die Begegnung und die Zusammenarbeit gegenüber.“

Hans-Joachim Gögl

Die Tage der Utopie gibt es seit 2003, sie finden alle zwei Jahre statt. Was hat sich seit der Anfangszeit verändert, was ist geblieben?

Josef Kittinger Das Konzept hat sich bewährt, was sich auch darin zeigt, dass das Festival jedes Mal über 1000 Besucher anzog. Ohne die verlässliche Partnerschaft mit unseren Sponsoren und öffentlichen Förderern wäre das nicht möglich. Neu sind zum Beispiel die „Wirkstätten der Utopie“, die 2013 gegründet wurden. Ideen, die während des Festivals entstehen, werden bis zu umsetzungsreifen Prototypen begleitet. Ein Beispiel ist der Bänkle-Hock, ein einfaches, dezentrales Dorffest, das in Nüziders erstmals durchgeführt wurde. Mittlerweile hat es via frei zugänglicher Bedienungsanleitung in vielen Gemeinden und Städten im gesamten deutschsprachigen Raum Anwender gefunden. Heuer wird das Projekt „Wir wählen!“, ein praktisches Demokratietraining für Schulen durch eine offene, soziokratische Klassensprecherwahl, vorgestellt.

Welche Utopien der früheren Jahre fanden Widerhall in der Lebensrealität? Welche sollten nach wie vor beachtet werden, finden aber nicht den entsprechenden Rückhalt?

Josef Kittinger Utopien und Visionen sind für uns keine fertigen Konzepte, sondern vielmehr wie Leitsterne, die die Richtung weisen und anziehen. Als Jörg Schindler 2005 über die postfossile Welt sprach, klang das in vielen Ohren recht utopisch. Heute reden wir in Europa immerhin schon über Zeitpläne und Umsetzungsstrategien. Aber es ist offensichtlich noch ein langer Weg. Die weltweite Jugendbewegung, die von Greta Thunberg angestoßen wurde, will die Zukunftsvergessenheit der Erwachsenen und das Politikversagen nicht weiter hinnehmen. Sie fordern entschlossen einen Systemwandel und wollen diesen auch selber leben. „Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist, aufzuwachen und uns zu verändern.“

„Utopien und Visionen sind keine fertigen Konzepte, sondern vielmehr wie Leitsterne, die die Richtung weisen.“

Josef Kittinger

Die Tage der Utopie haben ein treues Stammpublikum. Viele nehmen am kompletten Programm teil, nur noch einzelne Veranstaltungen sind nicht ausverkauft. Was erwartet Besucher, die bisher noch nie teilgenommen haben, bzw. warum lohnt es sich, einfach einmal einen Abend vorbeizuschauen?

Hans-Joachim Gögl Wenn wir über Zukunft sprechen, sind wir alle daran gewöhnt, dass vielfach die Probleme, die Defizite und die Sorge im Vordergrund steht. Bei den Tagen der Utopie geht es um Lösungsvorschläge, Visionen und bereits gelingende Beispiele aus der Praxis. Dazu gibt es vor jedem Vortrag eine Auftragskomposition direkt zum Thema und direkt nach dem Beitrag eine musikalische Improvisation. Diese Kombination von Ressource statt Defizit und Vortrag plus Musik macht vielleicht die besondere Atmosphäre der Abende aus, wie wir immer wieder hören.

Vielen Dank für das Gespräch.

Tage der Utopie 2019

6. bis 11. Mai 2019 im Bildungshaus St. Arbogast, Götzis

www.tagederutopie.org