Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wenn kein Grün mehr stört

06.05.2019 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich habe gelesen, in Vorarlberg wird man jetzt dafür belohnt, dass man seine Wiese nicht mäht, bis Oktober. Das erfreute mich auf sehr vielen Ebenen. Ich stellte mir auch kurz einen Vorarlberger vor, wie er den ganzen Sommer auf das wuchernde Gras in seinem Garten blicken muss und den Zwang, seinen Rasen bis auf wenige Zentimeter gleichmäßig abzumähen, unterdrücken und zusehen muss, wie sich die blühenden Gräser versamen und die Beikräuter sich ausbreiten….Dann habe ich weiter gelesen und gesehen, dass damit vor allem Bauern angesprochen werden sollen.

„Alle sauber, ordentlich und still. Kein schmutzendes Leben mehr.“

Außerdem will ich den Vorarlberger Gärtnern und Gärtnerinnen nicht Unrecht tun. Ich sah im Ländle ein gesund wucherndes Naturbewusstsein, als ich kürzlich mit dem Zug durchgefahren bin. Ich sah zum Beispiel keinen einzigen Schottergarten. Stimmt nicht ganz, ich sah einen, als ich durch meinen Heimatort radelte; und es tut mir leid, das ist einfach so furchtbar. So grauenhaft, wie man es, falls sie Facebook haben, in der Gruppe „Gärten des Grauens“ täglich neu vorgeführt bekommt. Ich war zuerst skeptisch, als ich bei Facebook-Freunden über diese Gruppe stolperte, ich dachte, man mache sich hier über Leute lustig, die sich gern Statuen in ihre Gärten stellen oder interessante Gartenmöbel, und ich finde, jeder soll in seinen Garten stellen dürfen, was er will, wo sind wir denn.
Aber. Es geht da nicht mehr um „Gärten“ im herkömmlichen Sinn. Es geht darum, wie Leute ihre Gärten vernichten, wenn man sie lässt, wie sie jeden kleinsten Grashalm, jedes Blümchen unter einem Stein ersticken, und zwar buchstäblich: Die Gärten und Vorgärten werden mit Schotter zugeschüttet und mit Betonfiguren und toten, lackierten Baumgerüsten verziert, eingerahmt von mit Stein- oder Glasbruch gefüllen Gabionen. Hier wächst nichts mehr. Hier stört kein Grün. Und dieses Schotter-Grauen ist, vor allem in Deutschland, mittlerweile derart beliebt, dass manche Kommunen ein Verbot überlegen. Und zwar aus guten Gründen, wie „Gärten des Grauens“ beweist, wo man ganze, zugeschotterte Wohnstraßen ohne ein letztes bisschen Natur besichtigen kann: kein Grashalm, keine Blumen (es sei denn aus Beton oder Metall), keine Bäume, Büsche, Stauden oder Sträucher. Und natürlich: keine Insekten, keine Bienen, keine Schmetterlinge, keine Vögel. Alle sauber, ordentlich und still. Kein schmutzendes Leben mehr. Man muss das wirklich gesehen haben: Ich bin sehr dafür, diese Steingärten zu verbieten.
Und ich bin auch dafür, jeden zu belohnen, der seine Streuwiese bis in den Herbst stehen lässt, und dadurch zur Artenvielfalt beiträgt: Pflanzen, Insekten, Vögel; wucherndes, zwitscherndes, summendes Leben.

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