Dem Ton der Stimme folgen

Vorarlberg / 10.05.2019 • 18:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Wenn jemand außerhalb der Schlagerszene sagt „Ich gebe mein Leben für dich“, dann bemächtigt sich unser wahrscheinlich ein ungutes Gefühl. Klingen diese großen Worte nicht übertrieben? Die leeren Versprechungen von Politikern und die Heilsverheißungen der Werbung haben uns großen Worten gegenüber skeptisch gemacht. Und dennoch lassen sich viele immer wieder in den Bann schlagen, glauben den Versprechungen und kaufen das „neue“ Produkt.

Sound Gottes

Von Großartigem will auch die religiöse Sprache reden. Ein Vorwurf lautet, dass religiöse Menschen nur sich selbst zuhören, den eigenen Wunschvorstellungen und Idealen. Können wir den Sound Gottes vernehmen? Der Verfasser des Johannesevangeliums versteht Jesus als das uns geschenkte „Wort Gottes“, das im Anfang bei Gott ist und in dem Gott sich ausspricht. In diesem Abschnitt des Johannesevangeliums (Joh 10,27-30) sagt Jesus von sich, dass er der gute Hirte ist, der die Seinen kennt, auf dessen Stimme seine Schafe hören, ihm folgen und dass er sich diese von niemandem seiner Hand entreißen lässt. Ist das aber auch so ein großes Wort, das nur die menschliche Sehnsucht bedient, geleitet und behütet zu werden?

Der Hirte David

So idyllisch das Bild vom Hirten auf den ersten Blick erscheinen mag, es gaukelt keineswegs eine heile Welt vor. Bevor der junge David in den Kampf gegen die Philister und Goliath zog, verwies er auf seine Hirtenerfahrung und berichtete, dass er Schafe den Löwen und Bären entrissen und die Raubtiere erschlagen hatte, um seine Herde zu schützen (1 Sam 17,34f). Wenn Jesus als guter Hirt bezeichnet wird, hat das nichts mit Schäferromantik, sondern mit einem Kampf auf Leben und Tod zu tun.

Eine Gesellschaft kann innerlich verwahrlosen, ohne dass es sofort auffällt. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es offenbar wird, welchen Stimmen sie gefolgt ist. Dann kann das Erschrecken groß sein und man fragt sich: Wo ist der Anstand geblieben? Was ist los, dass so viel Vergiftetes, Hasserfülltes vom Internet herausgeschleudert wird? Und die Anfälligkeit für Populisten, die oft nur die Gesellschaft spalten, aber die Probleme in keiner Weise lösen?

Ostern

Vor Kurzem haben wir Tod und Auferstehung Jesu gefeiert. Der Auferstandene ist auch der, der die Wundmale trägt. Damit verliert der Satz vom guten Hirten alles Schmeichelhafte und Verniedlichende und er gewinnt einen großen Realismus. Die Welt ist so, dass sie Wunden zufügt – wir erleben es gerade in schmerzhaftem Ausmaß. Die physisch und psychisch Verletzten sind die, in denen wir den Auferstandenen erkennen können und sollen.

In diesem Bewusstsein vermögen wir auf die Wunden von heute zu schauen und mit- und füreinander so zu leben versuchen, dass etwas vom guten Hirten bei uns aufersteht und aufscheint. Dann käme der Ton, der Sound Gottes anders zum Klingen, ohne Wortgeklingel und große Phrasen.

Hörende sein

Eine der Führungspersönlichkeiten im alten Israel hatte die klassischen drei Wünsche bei Gott frei, äußerte aber nur einen Wunsch: Die Person bat Gott um ein hörendes Herz (1 Kön 3,9). Es war König Salomo. Sein Name wurde Programm, Schalom, Friede bedeutet er. Das meint: Fähig zum Frieden zu verhelfen ist, wer wirklich hören kann, was die Nöte und Alltagssorgen der Menschen sind, in Politik, Kirche und Gesellschaft. Die Stimme Jesu, des guten Hirten, wahrzunehmen und sie uns zu eigen zu machen, bedeutet, in irgendeiner Form am Hirtenamt teilzuhaben, fremde Lasten mitzu- tragen. Aufgetragen ist uns die Sorge für unsere Schwestern und Brüder , besonders für die Schwachen; sowie der bewahrende, nachhaltige Umgang mit der ganzen Schöpfung. Dazu Jesu Worte: „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“ – eine unerhörte Zusicherung. Vielleicht ist das heute die wichtigste Botschaft des Gleichnisses vom guten Hirten.

afp

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