Der Prophet vom gelobten Land

10.05.2019 • 15:10 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Bei seiner Hochzeit 1912 trug Riedmann noch stolz die Uniform eines k.k. Leutnants der Reserve.
Bei seiner Hochzeit 1912 trug Riedmann noch stolz die Uniform eines k.k. Leutnants der Reserve.

Ferdinand Riedmann (1886–1968), der Propagandist für den Schweiz-Anschluss.

Ein staatlicher Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz lag im Herbst 1918 keineswegs auf der Hand, obwohl nahe. Das mehrheitlich katholisch-konservative Land hatte bis zum bitteren Ende vorbehaltlos zur österreichischen Dynastie gestanden, war ebenso begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen wie die Bewohner der meisten anderen Kronländer und hatte mit Vizekanzler Jodok Fink einen starken Vertreter in der neuen republikanischen Regierung. Schon am 3. November 1918 wurde der Zerfall der Monarchie von der dominierenden christlichsozialen Elite Vorarlbergs zur lang ersehnten Trennung von Tirol genutzt; darüber hinaus sollten durch die Erklärung der staatlichen Selbstständigkeit verschiedene politische Optionen offengehalten werden. Von einem möglichen Anschluss an die Schweiz war aber innerhalb dieses Szenarios noch keine Rede. Erst die neue Landesverfassung vom März 1919 orientierte sich mit bisher in Österreich unbekannten plebiszitären Elementen an den Schweizer Volksrechten. Zu dieser Zeit war aber die Agitation für einen Anschluss an die Schweiz bereits in vollem Gange. Begonnen hatte sie mit dem umtriebigen Kriegsheimkehrer Ferdinand Riedmann aus Lustenau, der bereits im November 1918 in seiner traditionell schweiz-freundlichen Heimatgemeinde den Anschlussgedanken entfachte und ihn in den Folgemonaten zu einem politischen Flächenbrand ausweitete. Seiner rednerischen Agitation folgte der Aufbau einer organisatorischen Struktur in Form eines landesweiten Werbeausschusses. Bis zum Beginn des Jahres 1919 werkten Riedmann und seine Leute fast ohne Gegnerschaft und mit geringem Echo vonseiten der offiziellen Landespolitik. Das sollte sich aber im Frühjahr 1919 grundsätzlich ändern. Nun erst erkannte Landeshauptmann Dr. Otto Ender die Dynamik der Anschlussbewegung und den wachsenden Erfolg ihres Propagandisten. Jetzt versuchte er, das Gesetz des Handelns mit einer kurzfristig angesetzten Volksabstimmung an sich zu reißen und Riedmann zu isolieren.

Wer aber war dieser Ferdinand Riedmann, der den Landeshauptmann und seine Regierung ein halbes Jahr lang so vor sich hergetrieben und verärgert hatte, dass er ihm seine Unbotmäßigkeit nie verzeihen konnte?

Ferdinand Riedmann wurde am 20. Mai 1886 in Lustenau geboren. Sein Vater war Hafnermeister, gehörte also jener Lustenauer Berufsgruppe an, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts am absteigenden Ast war. Die soziale und wirtschaftliche Lage des Elternhauses hat vermutlich nicht nur Riedmanns spätere politische Haltung mitgeprägt, sondern ebenso sehr die Entscheidung beeinflusst, sich durch eine höhere Bildung bessere berufliche Perspektiven zu öffnen. Vom Elternhaus, in dem neun Kinder zu versorgen waren, gab es dafür allerdings keine finanzielle Unterstützung. Riedmann verdiente sich als Briefträger und Sticker das Geld, das er zum Studium an der Innsbrucker Lehrerbildungsanstalt benötigte.

Aus der erlebten wirtschaftlichen Deklassierung werden seine heftigen Ressentiments gegen die „jetzt herrschende Macht, ‚Modernismus‘ genannt“, erklärbar, die nach seiner Meinung alles, „was Religion und Charakter“ heiße, „in den Kot“ ziehe. Sein Antimodernismus, der in Riedmanns Stellungnahmen zur Kunst besonders unduldsam durchbrach, war stets gepaart mit der Anrufung von Sündenböcken, die er für die Kriegs- und Nachkriegsmisere verantwortlich machte. „Herr Riedmann“, schrieb das Volksblatt, „schimpfte mit Recht auf den Adel und die Juden. Überhaupt auf die Verhältnisse im alten Österreich.“ In einem späteren Rückblick sah er im „alten Österreich“ allerdings ein Opfer, das von „einem wucherischen Judengesindel verkauft“ und von „einem degenerierten Adel und dem internationalen Kommunistenpack verraten“ worden sei. Zimperlich war er also nicht bei der drastischen Markierung der von ihm ausgemachten Sündenböcke.

So entwickelte Riedmann, nachdem er einmal die Macht seiner Rednergabe erkannt hatte, ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. All das und seine Kenntnis der Stimmungslage weiter Bevölkerungskreise machten ihn zum erfolgreichen Volkstribun. Neben dem Engagement für die Sache vereinigten sich in Riedmann persönliche Dispositionen, die den öffentlichen Auftritt genossen und darin Anerkennung suchten. Zehn Jahre nach seiner „großen Zeit“ veröffentlichte er ein Handbuch zur Gemeindepolitik, in dem die zukünftigen Gemeindepolitiker im Kapitel „Redner“ folgendermaßen belehrt werden: „Lieber Redner! Du darfst nicht finanzielle Erfolge erhoffen. Auch keinen Dank für die Zukunft wirst Du ernten. Aber Deiner warten ganz eigene Freuden, wenn Du siehst, wie Du durch Deine eigenen Gaben Hunderte von Menschen auf Stunden hinaus geistig beherrschest und ihre Zuneigung auf dich konzentrierst. Du empfindest echtes Glück, wenn die leuchtenden Augen Deiner Hörer auf Dich gerichtet, keine Sekunde von Dir abgewendet, Dir sagen, dass Du ihre schlummernde Seele geweckt und erlöst hast. Das ist dein Lohn.“

Nur selten wird ein derart ungeschminkter Motivenbericht für öffentliches Engagement geliefert. Inhaltlich bot Riedmann als Redner eine „Erlösung“ in zwei der Religion entlehnten Schritten: Erstens sollten die erledigte Loyalität gegenüber Österreich und ein tatkräftiger Antisemitismus aus den bestehenden Bindungen befreien, und zweitens die Schweiz als „Gelobtes Land“ ein neues und besseres Leben ermöglichen.

Die Wirklichkeit jedoch gestaltete sich prosaischer. Der Landeshauptmann verzichtete auf Riedmanns radikale Handlungsanleitungen. Im Gegenteil: Er empfand den erfolgreichen Wanderprediger als unerwünschten Störenfried, der das Volk aufwiegelte und ihm das politische Kalkül durchkreuzte. Riedmann artikulierte die Ängste und Wünsche der kriegsbeschädigten Bevölkerung, ohne die Schwerkraft der politischen Realitäten und Traditionen zu berücksichtigen, während der Landeshauptmann und auch Vizekanzler Jodok Fink ihre Politik an den nationalen und internationalen Gegebenheiten ausrichteten.

Doch zurück zu Riedmanns biografischen Stationen: Nach einem Probejahr in Alberschwende hatte Riedmann 1907 in Lustenau zu unterrichten begonnen und sich auch bald öffentlich engagiert. Da das Gehalt gering war und das Unterrichten die Arbeitskapazitäten des agilen Junglehrers keineswegs erschöpfte, gründete er 1911 mit seinen Brüdern in Lustenau ein Kino, die heutigen Rheinlichtspiele. Trotz seiner öfters formulierten Abneigung gegen Erscheinungen der Moderne war er damit einer der Pioniere der neuen Zeit in seiner Heimatgemeinde geworden. Im Sommer 1912 heiratete der Lehrer und Kinobesitzer die Lustenauerin Karolina Bösch. Die Hochzeitsreise führte das junge Paar in die Innerschweiz, wo die Neuvermählten die klassischen Orte der Schweizer Geschichte besuchten.

Die Erlebnisse der folgenden Jahre waren keineswegs dazu angetan, Riedmanns Anhänglichkeit an Österreich zu fördern. Bereits am 31. Juli 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, im Herbst an die russische Front verlegt und in ungeheuerlichen Gewaltmärschen geschunden. Die teilweise Misshandlung der eigenen Leute durch österreichische Offiziere hat im Soldaten Riedmann ein unvergessliches Gefühl zorniger Ohnmacht hinterlassen. Nach Genesung von einer schweren Krankheit kam Riedmann noch an verschiedenen anderen Frontabschnitten zum Einsatz, ehe er aus Laibach kommend Anfang November 1918 in Linz den Zusammenbruch der Monarchie erlebte. Hier in Linz, berichtet Riedmann, habe er erstmals in einer Rede zu den Vorarlberger Soldaten den Anschluss an die Schweiz propagiert.

Die zweite große Rede folgte am 13. November nach der Rückkehr in die Heimat und fand in Riedmanns Kino statt. Damit begann jener Abschnitt, den Riedmann selbst als seine große Zeit bezeichnete. Er hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen, zog als Propagandaredner durch das ganze Land, gründete den „Werbeausschuß für den Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz“ und suchte und fand Unterstützung auf Schweizer Seite.

Riedmann genoss seine öffentlichen Auftritte und erkannte seine Wirkung. Auch erwies er sich als gewiegter Taktiker und umsichtiger Organisator. Nachdem er zum Obmann des Werbeausschusses gewählt worden war, zog er einen fertigen Aktionsplan für das weitere Vorgehen aus der Tasche. Dieser enthielt eine gezielte Medienarbeit („Zeitungen bedienen“) in Vorarlberg und der Schweiz, die Erstellung eines organisatorischen Unterbaues auf Bezirks- und Orts­ebene, die Suche nach prominenten Fürsprechern und schließlich die gezielte Vorbereitung einer Volksabstimmung.

Ab dem Sommer 1919 versuchten die städtischen „Doktoren“ – allen voran Dr. Gustav Neubner – den Lustenauer aus der politischen Arena zu verdrängen, obwohl dieser bis dahin in Sachen Schweiz-Anschluss Ton und Tempo vorgegeben hatte. Dr. Neubner war Mitarbeiter in der Rechtsanwaltskanzlei von Landeshauptmann Ender. Hinter der Zurückdrängung Riedmanns war also unschwer die Handschrift des Landeshauptmanns zu lesen. In Enders autoritärer Gedankenwelt galt das unkontrollierbare öffentliche Auftreten des Lustenauer Lehrers als unstatthaft. Noch Jahre nach dessen öffentlichem Absturz demonstrierte Ender in seinem 1952 erschienenen Buch über die „Schweiz- Anschluss-Bewegung“ seine Abneigung gegen Riedmann.

Auf lokalpolitischer Ebene war der populäre Anschluss-Prediger die Wahllokomotive der Christlichsozialen. Ihnen gelang es bei der Gemeinderatswahl vom Frühjahr 1919, die großdeutsche Rathausmehrheit zu kippen, und Riedmann wurde zum Vizebürgermeister gewählt.

Riedmanns politisches Ende kam dann aber abrupt und total: 1924 wurde er von einem Schöffensenat am Landesgericht Feldkirch verurteilt, als Lehrer suspendiert und zur Niederlegung der politischen Ämter angehalten. Fortan bestritt er seinen Lebensunterhalt als Grundstücks- und Darlehensvermittler, wobei ihm seine guten Kontakte in die Schweiz gelegen kamen. Schon früher hatte er als Inseratenagent für den in Au erscheinenden „Rheintaler Volksfreund“ gearbeitet. Seine Erfahrungen als Volksredner und Kommunalpolitiker veröffentlichte er in einem „Handbuch für den Gemeindepolitiker“, allerdings unter einem Pseudonym.

Für die Schweiz-Anschluss-Bewegung in ihrer aufregendsten Phase war Riedmann die unumstrittene propagandistische Zugnummer gewesen. Ohne institutionellen Rückhalt zwang er den politischen Machthabern über weite Strecken seinen Willen auf. Er war der selbst erwählte Sprecher der bis dahin schweigenden Mehrheit, sein Gedankengut war geprägt von populären Vorurteilen und seine Verheißungen waren Balsam für die vielen Menschen mit verletzten Seelen und hungernden Mägen.

Sein tiefer Fall hatte durchaus damit zu tun, dass er am Zenit seiner Macht geglaubt hatte, sich über Gesetz und Moral hinwegsetzen zu können. Der bewunderte Prophet vom gelobten Land verstrickte sich in den Niederungen des menschlichen Diesseits.