Die Kirche und ihr Missbrauch

Vorarlberg / 10.05.2019 • 19:01 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Papst will Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche meldepflichtig machen. Bei den anhaltenden Skandalen hilft es, sich offensiv an die Aufklärung zu machen. Weniger hilfreich ist es, wenn der emeritierte Papst Benedikt XVI. die Ansicht äußert, der kirchliche Missbrauch sei auf die 68er-Bewegung zurückzuführen. Man kann von dieser halten was man will, das katholische Missbrauchsproblem hat sie aber sicher nicht verursacht. Wie hätten selbst Vorarlberger Zeitungen schon Jahrzehnte zuvor über Missbrauchsfälle berichten können? Es hätte sich, angesichts der schon damals nicht totzuschweigenden Missstände, um Einzelfälle freiheitlichen Ausmaßes handeln müssen. So wurde der Brazer Pfarrer 1909 per Steckbrief gesucht, war er doch vor seiner Verhaftung wegen Kindesmissbrauchs verschwunden. „Der Saubere Pfarrer hat zweifellos einen Wink bekommen“ mutmaßte der Vorarlberger Volksfreund. Woher der Tipp kam, war nur schwer zu erraten: Das Konkordat verpflichtet Österreich noch heute, die Bischöfe sofort über Ermittlungen gegen Priester zu informieren. „Soll die Vorschubleistung zur Flucht eines Kinderschänders straflos sein?“ fragte die Zeitung schon damals. Wenn überhaupt ermittelt wurde, verschwanden die Priester regelmäßig oder wurden, wie im Fall der Mehrerau, vorsichtshalber vorab an einen neuen Tatort versetzt.

1914 wiederum verschwand Kaplan Franz Huber aus Hatlerdorf plötzlich von der Bildfläche. Das christlichsoziale Volksblatt hatte dem als „Sozialistenfresser“ bekannten Huber lange die Stange gehalten, doch nun müssten, so schrieb die sozialdemokratiche Vorarlberger Wacht, „wohl auch die fanatischsten Kasiner und Betmummeln glauben, daß der eifrige Agitator“ schuldig sei. Das Kreisgericht in Feldkirch suchte ihn nämlich steckbrieflich wegen Vergewaltigung und Kindesmissbrauch. Der Verdacht gegen Huber stand schon jahrelang im Raum. 1911 hatte das Volksblatt die Wacht noch als „sozialdemokratisches Lügenblatt“ beschimpft, weil diese gefragt hatte, warum Huber zu später Stunde noch so viel unterwegs sei. Dieser werde „oftmals noch abends zu Kranken gerufen“, so das Volksblatt. In Wahrheit hatte der Kaplan kleine Mädchen mit Heiligenbildern und Süßigkeiten angelockt. Für das Volksblatt war die Angelegenheit drei Jahre später nur noch „ein gewiss trauriger Fall“. Huber wurde wie sein Kollege aus Braz nie gefasst.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at