Die Zahl der Vorarlberger in ungesicherten Wohnverhältnissen hat sich verdoppelt

10.05.2019 • 14:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Götzner Kolpinghaus finden bis zu 40 Menschen in sozialer Notlage ein Zuhause. Die ARGE Wohnungslosenhilfe warnt vor einem zunehmenden Problem. Sozialabbau verschlimmere die Situation, zudem solle der gemeinnützige Wohnbau noch stärker priorisiert werden. HOTZ

Die ARGE Wohnungslosenhilfe warnt vor dem Aufgehen der Schere. Sozialleistungen zu kürzen, verschärfe die Situation. Der gemeinnützige Wohnbau soll weiter verstärkt werden.

Gernot Schweigkofler

Götzis Vertreter der BAWO, der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sowie der ARGE Wohnungslosenhilfe Vorarlberg warnten am Freitag in einer Pressekonferenz im Kolpinghaus Götzis davor, dass immer mehr Vorarlberger in ungesicherten Wohnverhältnissen leben müssen. Das heißt, dass diese Menschen ohne ein rechtlich abgesichertes Mietverhältnis leben: viele sind beispielsweise temporär bei Freunden, Bekannten oder Verwandten untergebracht. Die Anzahl habe sich innerhalb von fünf Jahren verdoppelt, dazu tragen der überhitzte Wohnungsmarkt und  stagnierende Einkommen bei. Sie sind überzeugt: „Leistbares Wohnen ist machbar“ und stellten ein Positionspapier mit dem Titel „Wohnen für alle“ vor.

BAWO-Obfrau Elisabeth Hammer ist überzeugt, dass die „Versäulung“ von Wohn- und Sozialpolitik aufgehoben werden müsse, beide Themen müssten gemeinsam betrachtet werden. Sie befürchtet, dass es in Zukunft zu einer dramatischen Erhöhung der Zahl wohnungsloser Menschen kommen könnte, wenn nicht gegengesteuert werde. „Es gibt viele Menschen, die aktuell gerade noch nicht wohnungslos sind.“

Dass die Lage auch in Vorarlberg nicht rosig ist, zeige die Wohnungslosenerhebung, erläutert Christian Beiser von der Caritas. Die Einkommen seien zwischen 2008 und 2017 um 17 Prozent, die Wohnungsmieten aber um 34 Prozent gestiegen. Das wirke sich beim Anteil der Wohnkosten an den Haushaltsausgaben aus. Neun Prozent geben mehr als 40 Prozent des Einkommens für Wohnkosten aus, bei den armutsgefährdeten Menschen sind es 33 Prozent. „Hier geht die Schere auf“, fürchtet er. Deshalb müsse auch die finanzielle Ausstattung der Menschen erhöht werden. Sozialversicherungsleistungen müssten ausgebaut, nicht gekürzt werden, fordert Beiser. Das Aus der Notstandshilfe, „ein österreichisches Hartz IV“, wäre ein riesiges Problem.

„Das Kirchturmdenken, nach dem Motto, wir bauen für unsere Bürger, ist ein Blödsinn.“

Erich Ströhle, IfS Wohnen

Ein wichtiger Faktor ist für Erich Ströhle vom IfS Wohnen der soziale Wohnbau. 137 Millionen würden im Jahr für Förderungen für Neubauten ausgegeben, davon 65 Millionen für den gemeinnützigen Wohnbau. „Dieser Anteil muss erhöht werden“, erklärt er. Es sei gut, dass eine Dringlichkeitsreihung vorgenommen werde, sagt er. Dass aber auch die Meldedauer, also wie lange man in der Gemeinde lebt, ein Faktor ist, hält er für falsch. „Das hat nichts mit einer Dringlichkeit zu tun“, erklärt Ströhle: „Das Kirchturmdenken, nach dem Motto, wir bauen für unsere Bürger, ist ein Blödsinn.“ Dass im Land heute wegen des Sonderwohnbauprogramms viel mehr Sozialbauten gebaut werden, schlage sich bei den Fallzahlen nicht nieder, erklären die Experten. Die Anstrengungen müssten weiter intensiviert werden.

Hier klicken um das Positionspapier der BAWO herunterzuladen.