Vor 100 Jahren wollte eine Mehrheit der Vorarlberger zur Schweiz gehören

11.05.2019 • 08:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ernährungskrise im Ersten Weltkrieg: In Vorarlberg herrschte bittere Not. Im Bild: Zahlreiche Menschen stehen bei der Bäckerei Spiegel am Dornbirner Marktplatz an. REPRO STADTARCHIV DORNBIRN SIGN. 28756

Vergeblicher Abschiedswunsch: Das Ergebnis der Volksabstimmung 1919 blieb ohne Konsequenzen.

bregenz Der „übrige“ Kanton. Diese spöttisch-abfällige Bezeichnung für Vorarlberg ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie geht auf eine erfolglose Anschlussbewegung an die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Genau vor 100 Jahren, am 11. Mai 1919, fand eine potenziell richtungsweisende Volksabstimmung statt: Damals war eine überwältigende Mehrheit von 81 Prozent der abstimmenden Bürger (47.727) für Anschlussverhandlungen mit der Schweiz, 19 Prozent (11.378) stimmten dagegen. Trotzdem war der Vorstoß zum Scheitern verurteilt. Doch wie konnte es dazu kommen, dass eine Mehrheit der Vorarlberger lieber Schweizer werden wollte?

Wir schreiben das Jahr 1918. Der Erste Weltkrieg ging für Österreich-Ungarn mit dem in der Villa Giusti bei Padua geschlossenen Waffenstillstand im November zu Ende. Die Donaumonarchie existierte nicht mehr, hatte sich in verschiedene Nationalstaaten aufgelöst. Die am 12. November 1918 ausgerufene Republik Deutsch-Österreich sah sich als Teil der Deutschen Republik. Ein Anschluss wurde angestrebt. Zu gering war das Vertrauen darin, dass der kleine Staat alleine überleben konnte. Die Wirtschaft war am Boden, die Bevölkerung hungerte.

Vorarlberg hatte verwaltungstechnisch eine Einheit mit Tirol gebildet, das war nun vorbei: Am 3. November beschloss die provisorische Landesversammlung die Selbstständigkeit Vorarlbergs. Es verstand sich als Teil der Republik Deutsch-Österreich. Landeshauptmann wurde der Christlich-Soziale Otto Ender. Im November begann der Lustenauer Lehrer Ferdinand Riedmann mit der Propaganda für einen Beitritt Vorarlbergs zur Schweiz. Der sogenannte Werbeausschuss für den Anschluss an die Schweiz hatte bald zahlreiche Anhänger.

Auf einem Plakat wird Stimmung für ein "Ja" für Verhandlungen mit der Schweizer Regierung gemacht.  Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek
Auf einem Plakat wird Stimmung für ein „Ja“ für Verhandlungen mit der Schweizer Regierung gemacht. Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek

Im Nachbarland gründete der St. Gallener Kantonsrat und Arzt Ulrich Vetsch 1919 das Aktionskomitee „Pro Vorarlberg“, das Stimmung für den Beitritt machte. Es gab aber auch eine Gegenbewegung: Der überparteiliche Verein „Vorarlberger Schwabenkapitel“ forderte einen Anschluss an Deutschland. Gemeinsam mit den schwäbischen Landesteilen in Baden, Bayern und Württemberg sollte das neue Bundesland Schwaben entstehen. Die Phrase „Kanton Übrig“ stammt vom deutsch-nationalen Landtagsabgeordneten Anton Zumtobel. Der in einem Flugblatt verbreitete Begriff sollte zeigen, dass Vorarlberg in der Schweiz unerwünscht sei. Die Volksabstimmung erfolgte am Sonntag, den 11. Mai 1919. Die Frage „Wünscht das Vorarlberger Volk, dass der Landesrat der Schweizer Bundesregierung die Absicht des Vorarlberger Volkes, in die Schweizerische Eidgenossenschaft einzutreten, bekannt gebe und mit der Bundesregierung in Verhandlungen trete?“ wurde in fast allen Kommunen mehrheitlich mit „Ja“ beantwortet. Ausnahmen bildeten Bludenz, Hittisau und die damals noch eigene Gemeinde Bolgenach.

Wenig Interesse

Von den Siegermächten gab es keine Unterstützung. Landeshauptmann Ender reiste kurz nach der Abstimmung zwar zu den Friedensverhandlungen von Paris. Das Vorarlberger Anliegen war dort aber kein Thema. Der österreichische Delegationsleiter, Staatskanzler Karl Renner wollte nichts davon wissen. Auch die Schweiz zeigte geringes Interesse. Am 10. September 1919 unterzeichnete Renner den Friedensvertrag von Saint Germain, der sämtliche Anschlussbestrebungen beendete. Aus der Republik Deutsch-Österreich wurde die Republik Österreich.