„Die Person geht, die Liebe bleibt“

12.05.2019 • 17:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Demenz in der Ehe: Die Pflege daheim ist eine große Herausforderung. KUM
Demenz in der Ehe: Die Pflege daheim ist eine große Herausforderung. KUM

Elisabeth pflegt ihren demenzkranken Mann. Sie sind seit mehr als 62 Jahren ein Paar.

Schwarzach Der Fernseher läuft. Leopold* sitzt auf der Couch und sieht starr auf die schnell wechselnden Bilder. Zu merken ist, dass er dem Geschehen auf dem Bildschirm nicht folgen kann. Das scheint den 91-jährigen Mann aber nicht zu stören, er macht einen zufriedenen Eindruck. Seine Frau Elisabeth*, die seit 1957 an seiner Seite ist, räumt unterdessen das Frühstücksgeschirr ab. Der 86-jährigen Frau fiel vor eineinhalb Jahren auf, dass ihr Ehemann von der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit her nicht mehr folgen konnte. „In den Gesprächen merkte ich, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er verstand mich nicht mehr.“

Anfang einer schweren Zeit

Ein Arzt diagnostizierte das, was in der Familie schon befürchtet wurde: eine Demenzerkrankung. „Das war das Ende unseres bisherigen Lebens.“ Und der Anfang einer ganz schweren Zeit für Elisabeth. Sie musste akzeptieren lernen, dass sich ihr Partner komplett veränderte. „Leopold ist nicht mehr derselbe.“ Bei Elisabeth kam Trauer auf. „Ich trauerte um den Menschen, den ich verloren hatte.“

Auch die Kinder schmerzte es, dass der Papa, der als früherer Kleinunternehmer immer ein Vorbild an Eigenständigkeit und Entscheidungskraft war, plötzlich immer hilfloser wurde. Es sind banale Alltagssituationen, in denen er sich nicht mehr zurechtfindet. Die eine Tochter erzählt: „Er schaut einen leeren Wasserkrug an und denkt darüber nach, was er machen soll. Papa versteht nicht, dass man ihn mit Wasser auffüllt. Er findet keine Lösung und ist verloren, verloren in sich.“

Seine Frau Elisabeth setzt sich jetzt zu ihm auf die Couch und tätschelt ihm den Rücken. Dass er ihren Namen nicht mehr weiß und stattdessen „die von da“ sagt, hat sie akzeptiert. Ebenso, dass er ihr seine Zuneigung nicht mehr zeigt, sie nicht mehr in die Arme nimmt. Doch das mindert nicht Elisabeths Liebe zu ihm. Denn diese Liebe steht auf einem festen Fundament: 63 gemeinsame Jahre. „Die Person geht. Die Liebe bleibt.“ So knapp und schlicht beschreibt Elisabeth ihre Gefühle, die sie für ihren Mann hegt.

Weil sie ihren Ehemann liebt und selbst gesundheitlich noch gut beieinander ist, trägt die 86-Jährige gerne die Hauptlast der Pflege. Sie hilft ihm bei der Morgenroutine, zieht ihn an, kocht für ihn, nimmt ihn mit zum Einkaufen, besucht mit ihm Bekannte und geht mit ihm spazieren. Gemeinsam essen sie, gemeinsam halten sie einen Mittagsschlaf, gemeinsam gehen sie abends zu Bett. Elisabeth muss ständig präsent sein. Wenn sie ihn allein lassen würde, ginge er außer Haus und würde nicht mehr heimfinden. „Das ist auch schon passiert. Einmal hat er eine Abkürzung im Wald genommen und ist abgestürzt. Eine Nachbarin fand ihn glücklicherweise“, erinnert sie sich und ist froh, dass alles gottlob mit leichten Blessuren abging. Seither ist immer jemand bei Leopold. Eine Mohi-Helferin unterstützt Elisabeth an drei Vormittagen. „In dieser Zeit kann ich einiges erledigen, zum Beispiel zum Friseur oder Zahnarzt gehen oder einmal im Monat mit meinen Freundinnen jassen.“ Manchmal geht sich für Elisabeth sogar ein Tagesausflug aus. „Dann engagiere ich noch eine Frau, die mir auf Leopold schaut.“ Immer wieder mal besucht sie mit ihrem Mann, der viele Jahre dem Kirchenchor angehörte, auch eine Seniorenveranstaltung, bei der gesungen wird. „Beim letzten Mal sang Leopold so schön, dass mir die Tränen kamen.“ Es sind Momente, die für Elisabeth unbeschreiblich ergreifend sind.

*Namen von der Redaktion geändert