Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Frauenquote

Vorarlberg / 12.05.2019 • 18:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wir Vorarlberger hinken der Entwicklung gelegentlich nach. Heuer wird in einer ganzen Serie von runden Jubiläen daran erinnert, dass vor genau 100 Jahren die ersten Frauen ins Parlament gewählt werden konnten. Die Sozialdemokratin Adelheid Popp und sieben weitere Frauen aus aus Sozial- und Christdemokraten waren die ersten, die 1919 in den Nationalrat einzogen. Das entsprach einem Frauenanteil von fünf Prozent.

Doch in Vorarlberg dauerte es noch weitere 40 Jahre, bis es auch Frauen im Landtag gegeben hat. Ende der Fünfziger Jahre waren Elfriede Blaickner von der ÖVP und Anni Mayr von der SPÖ die ersten. Als Mayr 1966 starb, war dann Blaickner jahrelang die einzige Frau im Landtag, aber was für eine. Wir Jungredakteure freuten uns jeweils diebisch, wenn die resolute Blaickner die Männer reihenweise das Fürchten lehrte. Erst 1990 gab es bei uns eine Frau in der Landesregierung. Liesl Gehrer, mindestens so resolut wie Blaickner (und ebenfalls Tirolerin), wurde erste Landesrätin. Die Gemeinden blieben übrigens noch lange eine reine Männer-Domäne. Erst 1998 wurde mit Anna Franz in Bezau eine Frau Gemeindechefin in Vorarlberg.

Frauenanteil geht zurück

Warum lohnt dieser Blick in die Geschichte? Überall wird die Gleichbehandlung der Geschlechter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gefordert. In Vorarlberg aber ist der Anteil der Frauen im Landtag wieder deutlich zurückgegangen (von 37 auf 31 Prozent). Das könnte nach der Septemberwahl besser werden. Die Volkspartei hat zwar das von ihrem Obmann Sebastian Kurz geforderte Reißverschlussprinzip in den Bezirken nicht ganz geschafft. Männer und Frauen wechseln sich also auf den Listen nicht immer ab. Die Grünen und die SPÖ haben sich eine Frauenquote von 50 Prozent bei der Listenerstellung auferlegt. Die grüne Landesrätin Wiesflecker hat sich sogar für eine gesetzliche Frauenquote in allen politischen Gremien ausgesprochen. Und die Landesregierung? Dort liegt der Frauenanteil bei gerade 28 Prozent. Es ist bezeichnend, dass in der Diskussion um die Nachfolge von Wirtschafts-Landesrat Rüdisser fast nur von Frauen die Rede ist und dass sich, siehe VN vom Samstag, vor allem Männer für den Job ins Gespräch bringen. Keine Frau mit Wirtschaftskompetenz in der VP-Riege? Schwer zu glauben. In der Bundesregierung liegt der Frauenanteil immerhin schon bei 37,5 Prozent.

Schritt zur Normalität

Dass es auch anders geht, zeigen die Schweden mit einer Frauenquote von fast 47 Prozent (Regierung plus Parlament). Österreich liegt im Europavergleich übrigens mit dem fünften Platz gar nicht so schlecht, sogar besser als Deutschland. Die politische Vorzeigefrau schlechthin, Angela Merkel, hat unlängst ihren Landsleuten deshalb die Leviten gelesen. Mit 31 Prozent Frauen habe das deutsche Parlament die gleiche Quote wie das Parlament im Sudan. Merkel weiter: „Frauenquoten sind nur ein erster Schritt zur Normalität. Ziel muss die Parität sein. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist eine elementare Frage der Demokratie. Davon hängt die Zukunftsfähigkeit eines Landes ab.“ Und wer liest unseren Männern die Leviten?

„Keine Frau mit Wirtschaftskompetenz in der VP-Riege? Schwer zu glauben.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.