Vom Land der Berge an das Land am Strome

Vorarlberg / 13.05.2019 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Alt-Bischof Erwin Kräutler ist immer noch ein streitbarer Geist, wenn es um den Schutz der indigenen Bevölkerung in Amazonien geht. vn
Alt-Bischof Erwin Kräutler ist immer noch ein streitbarer Geist, wenn es um den Schutz der indigenen Bevölkerung in Amazonien geht. vn

Erwin Kräutler kämpft weiter für arme Menschen.

altamira „Wer bricht das Eis?“ fragt Erwin Kräutler, dabei ist er selbst gerade dabei, das Eis zu brechen. Er fragt die Gruppe aus deutschsprachigen Gästen, die er am Bischofssitz in Altamira empfängt, wann sie abreise und ob der kommende Tag auf dieser Marathontour von Marabá nach Santarém über die 100.000-Einwohner-Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat Pará, in der der ehemalige Bischof aus Koblach immer noch sitzt, frei sei. Der Austro-Brasilianer „Dom Erwin“ zitiert in diesem Zusammenhang den deutschen Dichter Matthias Claudius: „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ 

Fast wie eine Revolution

Für das abgelegene, schwer zugängliche und nahezu unkontrollierbare Amazonien, von dem Brasilien über ein Gebiet so groß wie Westeuropa verfügt, gilt das ganz besonders. Seit Jahrzehnten engagiert sich Kräutler (79), der in Vorarlberg geboren wurde und im Jahr 1965 das Land der Berge gegen das Land am Strom getauscht hat, wie er sagt, für das Amazonas-Gebiet und seine Bewohner. Erwin Kräutler erkundete die Diözese per Boot, nahm an Demonstrationen teil und wurde verhaftet. In der von Sklavenarbeit und Lehnsherrschaft geprägten Region forderte er die Gläubigen auf, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen, was einer Revolution gleichkam.

Wenn jemand Probleme hatte, dann wandte er sich nicht an die Polizei, sondern an Erwin Kräutler. Dieser hat vor allem Erfolge erzielt, aber auch die eine oder andere Niederlage eingesteckt, wenn man den Bau des heftig umstrittenen Mega-Wasserkraftwerks „Belo Monte“ als solche bewerten möchte. Auf die Frage, wie seine Bilanz anfällt, gibt der Ehrenbürger Altamiras und Träger des Alternativen Nobelpreises eine Antwort, die auch auf „Belo Monte“ passen könnte. „Ich bin nicht hierhergekommen, um zu sehen, ob es sich lohnt“, sagt Erwin Kräutler und kritisiert den Ansatz, zu investieren und genau wissen zu wollen, was dabei herauskommt. „Von uns ist Einsatz  gefordert, wo immer und wann immer es möglich ist.“ Seine Mission – der österreichische Brasilianer unterscheidet sehr genau zwischen dem Verständnis des Begriffs in Österreich und Brasilien, früher und heute, Nicht-Indigenen und Indigenen – sieht er in dem „Auftrag, den die Kirche und jeder hat, die Liebe mitzuteilen“.

Es geht ums Überleben

Bei den Indigenen sieht Erwin Kräutler nicht die Verkündung von Glaubenswahrheiten an erster Stelle, sondern das Leben. „Ich kann ja Toten nicht das Evangelium verkünden. Also es geht an und für sich um das Überleben dieser Menschen“, wird er nicht müde, einen seiner berühmten Sätze zu wiederholen. Um nichts anderes geht es in Amazonien, wo Indigene einen jahrhundertelangen Kampf gegen Kolonisatoren aus dem Aus- und Inland, Großgrundbesitzer, Holzfäller, Goldsucher, Kraftwerksbauer und Sojapflanzer führen, seit nahezu jeher und nach der Wahl Jair Bolsonaros umso mehr. MFA

„Es geht um das Überleben. Ich kann Toten nicht das Evangelium verkünden.“