Hier bestimmen die Fans

Vorarlberg / 14.05.2019 • 18:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gerrit Kremer kommt am Donnerstag zur Langen Nacht der Partizipation. Verein
Gerrit Kremer kommt am Donnerstag zur Langen Nacht der Partizipation. Verein

Fußball-Manager-Spiele gibt es viele, beim TC Freisenbruch haben die Entscheidungen auch reale Auswirkungen.

Geraldine Reiner

Essen, Dornbirn Beim TC Freisenbruch haben seit 2016 die Fans das Sagen: Mehr als 700 Online-Manager bestimmen im Internet, welche Spieler des Essener Fußballklubs aufgestellt werden, ob der Trainer entlassen wird, wie teuer das Bier am Platz ist oder welche Merchandising-Produkte verkauft werden. Vorstandsmitglied Gerrit Kremer ist am Donnerstag Special Guest bei der 3. Langen Nacht der Partizipation in der Fachhochschule Dornbirn. Mit den VN sprach er über die Motivation hinter dem Projekt, die Werbereise nach China und das Potenzial des Mitmach-modells.

 

Was war die Motivation, ein Projekt wie dieses zu starten?

Kremer Im Verein war die Situation 2015 ziemlich schwierig, weil es viele Probleme mit der Infrastruktur gab und sich niemand mehr so wirklich engagiert hat. Da stellte sich im Prinzip die Frage, ob sich der Verein auflöst oder ob man versucht, mit einer außergewöhnlichen, vielleicht sogar verrückten Geschichte sich so ein bisschen am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf zu ziehen.

 

Sind Sie mit der Idee von Anfang an offene Türen eingerannt?

Kremer Bei einem Verein, wo alles super läuft, der gerade aufgestiegen ist und eine Riesenjugendabteilung hat, wäre es wahrscheinlich schwierig geworden, so etwas umzusetzen, aber in der besonderen Situation passte es ganz gut.

 

An das Votum der Online-Manager ist auch der Trainer gebunden. Birgt das kein Konfliktpotenzial?

Kremer Es ist natürlich schon ein bisschen ungewöhnlich, aber bisher läuft es sehr ordentlich ab. Für die Spieler ist es im Prinzip eine ähnliche Situation wie in anderen Vereinen auch. Es können immer nur elf spielen und die, die nicht spielen, sind in der Regel immer mal unzufrieden. Manche Spieler empfinden es sogar als gerechter, weil sie in der Vergangenheit vielleicht schlechte Erfahrungen mit dem Trainer gemacht haben und das Gefühl hatten, dass er sie nicht leiden kann und sie deswegen nicht aufgestellt werden. Bei über 700 Trainern ist die Wahrscheinlichkeit natürlich sehr gering, dass, nur weil einem die Nase nicht passt, derjenige nicht aufgestellt wird.

 

Und wie steht der Trainer dazu?

Kremer Für ihn ist es natürlich eine sehr spezielle Situation. Allerdings hat der Trainer schon auch einen gewissen Einfluss auf das, was passiert. Er macht eigenverantwortlich das Training, er gibt eine Aufstellungsempfehlung ab und er benotet die Spieler im Training.

 

Unlängst war der FC Freisenbruch auf der internationalen Sportmesse in Peking vertreten. Welche Ziele verfolgen Sie mit Auftritten wie diesem?

Kremer Wir hatten schon 2017 das erste Mal Kontakt mit China, weil es einen Bericht in der größten chinesischen Fußball-App über den TC Freisenbruch gab. Fünf Chinesen, die in Deutschland studieren, haben sich auch gleich angemeldet und wir haben uns ein bisschen gewundert, weil es damals nur die deutsche Version gab. Man hat uns dann an verschiedenen Stellen versichert, dass es für China auf jeden Fall ein sehr interessantes Projekt ist. Natürlich haben wir damit auch eine Menge öffentlicher Resonanz in Deutschland erzielt, weil viel darüber berichtet wurde, dass ein kleiner Kreisligaverein aus Deutschland jetzt genauso wie Bayern München und Borussia Dortmund nach China fliegt.

 

Die Online-Manager sind mittlerweile auf allen Kontinenten vertreten. Was bringt das einem Kreisligisten aus Essen? 

Kremer Die zahlen natürlich auch ihre fünf Euro im Monat. Außerdem bringt jeder Teammanager sein Know-how mit ein, insofern kann es nur von Vorteil sein, wenn mehr Leute und vor allem auch aus dem Ausland mitmachen. In der ersten Saison haben wir außerdem mehr Fanartikel ins Ausland verkauft als in Deutschland.

 

Was wäre, wenn der FC Freisenbruch in die deutsche Bundesliga aufsteigen würde… Würde das Mitmachmodell dann immer noch funktionieren?

Kremer Die Vertreter von höherklassigen Vereinen sagen immer, es funktioniert auf keinen Fall. Ich glaube aber, dass es da vielleicht sogar noch besser funktionieren würde, weil man noch einmal viel professionellere Strukturen hat und sicherlich auch sehr viel mehr Leute mitmachen würden. Das Ganze ist ja nicht in Stein gemeißelt, man kann durchaus auch entsprechende Anpassungen vornehmen.

Lange Nacht der Partizipation

Wann Do, 16. Mai, ab 16.30 Uhr

Wo Fachhochschule Vorarlberg (FHV), Dornbirn

Was 27 Projekte aus den Bereichen Zusammenleben, Kinder- und Jugendbeteiligung, Bürgerbeteiligung, Bildung, Wirtschaft, Umwelt, Demokratie und Jugendpolitik werden vorgestellt

Veranstalter FHV, Zukunftsbüro, Polytechnische Schule, www.jugenddornbirn.at und Stadt Dornbirn