Liebling

Vorarlberg / 15.05.2019 • 11:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Monika Helfer

Der Mann saß im Ledersessel, wie eingesunken saß er, als schliefe er. Er hörte die Frau telefonieren und hörte ihr Lachen, wie er jeden Tag ihr Lachen durch die Wand gehört hatte. Er dachte, ich will, dass sie auch bei mir lacht.
Als sie auf ihren Krücken ins Wohnzimmer zurückkam und sich auf das Sofa fallen ließ, setzte er sich gerade und sagte: „Liv, wissen Sie, wo die Katze wohnt?“
„Ich verstehe Ihre Frage nicht“, sagte die Frau. „Wir haben keine Katze.“
„Es soll ein Witz sein, und Sie, Liv, müssen erraten, wo die Katze wohnt.“
„Ich verstehe Sie wieder nicht“, sagte die Frau und beugte sich vor. „Ich bin Schwedin, kann gut Deutsch, aber spezielle Sachen verstehe ich nicht. Manche Sprichwörter kann man nur verstehen, wenn man im fremden Land aufgewachsen ist.“
„Das war dumm von mir“, sagte der Mann. „Verzeihen Sie, Liv.“
„Nicht doch, nicht doch“, sagte die Frau und schaute ihn sehr freundlich an. „Sagen Sie mir, wo die Katze wohnt!“
„Im Miezhaus?“

„Ich habe Ihnen leider auch nichts zu sagen, weil ich ja gar nicht weiß, was sie hören wollen.“


Wieder verstand die Frau nicht, was er meinte, und es war für beide peinlich.
Die Frau stand mühsam auf und ging zur Küche. „Ich bringe den Tee“, sagte sie.
Er folgte ihr nach, um ihr zu helfen, nahm ihr die Teekanne aus der Hand, die zwei Teegläser, sie trug nur die Zuckerdose.
Er schenkte ihr ein. „Ich bin ihr Nachbar“, sagte er, „ich höre Sie oft lachen, und das stimmt mich so fröhlich, ich wollte einmal sehen, wer die Frau ist, die so wunderbar lacht. Darum habe ich Sie besucht.“ Sie verzog den Mund, lachte aber nicht. „Wissen Sie, ich lache nur mit meinem Mann. Mein Mann ist Russe, und die Russen lachen gern und oft, sie lachen sogar, wenn sie Böses tun. Sie lachen immer und überall, auch in der Kirche, sogar im Beichtstuhl. Ich kann russisch, verstehe aber viele Sachen nicht, wie er ebenso Sachen auf Schwedisch nicht versteht. Dann kitzelt er mich. Und ich muss mich fast totlachen. Er ist ein guter Mann, er hat mir das Leben gerettet. Er hat mir seine Niere gespendet. Ohne ihn wäre ich tot. Ich arbeite zu Hause, übersetze Verträge ins Russische, das habe ich gelernt. Mein Mann kommt am Abend, er kocht für uns. Ich bin sehr dankbar. Haben Sie eine Frau?“
„Ja, eine Frau, schon sehr lange, wir haben uns nicht mehr viel zu sagen, und wir lachen nie zusammen.“
„Ich habe Ihnen leider auch nichts zu sagen, weil ich ja gar nicht weiß, was sie hören wollen.“
„Können Sie singen?“, fragte der Mann, es war ihm einfach so in den Sinn gekommen, dass die Frau sicher gut singen kann.
„Ein russisches Lied?“, fragte die Frau. Sie warf fünf Zuckerwürfel in die Tasse. Dann schüttete sie Tee vom Glas in die Untertasse und trank daraus. Der Tee war stark und heiß. „Russische Lieder sind wehmütig. Das kommt vom vielen Wodka. Mögen Sie einen Wodka? Ich meine, so zum Tee, einen kleinen Wodka? Ja?“
Sie stimmte ein Lied an und sang mit klarer Stimme und nicht leise, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern sehr laut. Sicher hört das meine Frau drüben, dachte er sich.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.