Auf dem Grund des Bodensees lagern jetzt 2000 Liter Wein

16.05.2019 • 05:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
An den Weintanks wurde je ein Hebeballon befestigt. Insgesamt waren sechs Taucher im Einsatz. VN/STIPLOVSEK

Winzer Sepp Möth ließ am Mittwoch zwei Tanks versenken.

Geraldine Reiner

Bregenz Es gibt bestimmt angenehmere Orte auf dieser Welt: „Ein bis zwei Meter Sichtweite, eine Temperatur von vier Grad, absolute Ruhe, absolute Dunkelheit, 6,5 Bar Druck“, umschreibt Winzer Sepp Möth (44) die Bedingungen in einer Tiefe von rund 60 Metern. Genau dort, auf dem Grund des Bodensees, irgendwo zwischen Seebühne und Kaiserstrand, lagern seit Mittwoch zwei je 1000 Liter fassende Edelstahltanks. Im einen befindet sich Chardonnay, im andern ein Cuveé aus Zweigelt und Shiraz.

Es ist kurz nach 14 Uhr. Soeben wurden die beiden „Weinlandekapseln“ per Lkw am Bregenzer Hafen angeliefert. „An die Tanks kommen jetzt Stelzen. Der Bodenseegrund ist so weich, wir wissen nicht, wie weit sie einsinken“, erläutert der Bregenzer Winzer. Draußen auf dem See werden daran noch Teller mit einem Durchmesser von 60 Zentimeter montiert. „Damit wir eine große Oberfläche haben. Kein Experte konnte uns darüber Auskunft gaben, wie weit es wirklich hinunter geht.“ Jetzt fehlen nur noch die Hebeballons, damit die Tanks vom Wasserrettungsboot zum Bestimmungsort gezogen werden können.

Flaschen im Schiffswrack

Die Idee zum Projekt „Tiefenrausch“ wurde sozusagen von einem Freund des Hauses in den Raum geworfen. Es seien schon wieder Weinflaschen in einem Schiffswrack gefunden worden und die hätten eine exorbitant gute Qualität. Die Frage war: „Wie kommen wir zu so einer Flasche, um das einmal zu probieren?“ Ganz einfach: selber machen. Mit ein paar Flaschen wollte sich Möth allerdings nicht zufriedengeben. Es sollte ein Großversuch werden. „Im Großgebinde entwickelt sich Wein viel besser als in den Kleingebinden“, begründet er. Der 44-Jährige möchte herausfinden, wie sich die Bedingungen in 60 Metern Tiefe auf die Qualität und den Geschmack des Weins auswirken. Weinwissenschaftlich wird die Aktion von Robert Steidl, Leiter der Höheren Bundeslehranstalt und des Bundesamtes für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg, begleitet. Versuche mit Flaschen, einer mit Wein gefüllten Boje, Tonamphoren oder an Austernbänken befestigten Holzfässern gab es bereits. „Dieses Projekt ist in der Art und Größenordnung einzigartig“, unterstreicht der Weinbauer.

Kein Tiefenrausch

Gegen 16.40 Uhr ist es soweit. Die Teller am ersten Tank sind montiert, er kann auf den Grund des Bodensees gelassen werden. Die Seepolizei kümmert sich um die Absicherung. Im Einsatz stehen auch vier Taucher der Wasserrettung und zwei Trimix-Taucher. Trimix ist ein spezielles Atemgasgemisch, das den Tiefenrausch verhindern soll. „Wenn man tiefer taucht, wird der Stickstoffanteil in der Luft narkotisch, darum tut man weniger Stickstoff hinein, dafür Helium“, erläutert Johannes Fend (57) aus Hohenems. Was das Schwierigste an dem Einsatz ist? Der erfahrene Taucher schmunzelt: „Die Tanks wieder zu finden.“

Geplant ist, dass der Weißwein im September oder Oktober wieder an die Oberfläche geholt wird, der Rotwein folgt ein knappes halbes Jahr später. Die Kosten des Projekts bleiben ebenso geheim wie die Koordinaten der versenkten Tanks. Fest steht allerdings: „Es wird das erste und das letzte Mal sein, dass das am Bodensee geschieht. Es darf nicht kommerzialisiert werden. Das war auch eine Auflage“, sagt Sepp Möth.

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