Experte Gerhard Heinritz über Gewalt und andere Probleme von Jugendliche

16.05.2019 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gerhard Heinritz leitet das Projekt Pädaogigische Kooperation. VN/Hämmerle

Gerhard Heinritz weiß, wie Problem-Jugendliche ticken.

Schlins Jugend und Gewalt sind in aller Munde. Die Bilder aus Wien, mit dem spuckenden Lehrer, der sich gegen eine handgreiflich werdende Meute von Schülern zur Wehr setzt, sitzen tief in Köpfen und Seelen der Gesellschaft.
Gerhard Heinritz, der beim Kinderdorf Vorarlberg den Fachbereich Pädagogische Kooperation leitet, weiß um die Probleme von Jugendlichen. Freilich haben auch ihn die Bilder betroffen gemacht. „Aber nicht so sehr wegen dem, was da zu sehen war, sondern weil sie überhaupt gemacht wurden. Da filmt jemand in aller Ruhe eine womöglich bewusst inszenierte Szene dieser Art.“
Heinritz ist überzeugt davon, dass solche Vorfälle an heimischen Schulen öfter vorkommen. „Es passieren viel häufiger Grenzüberschreitungen, auch weil Grenzen nicht mehr genau definiert und erkennbar sind. Früher wussten Kinder und Jugendliche viel eher: bis dahin und nicht weiter.“

Mangelndes Vertrauen

Der Experte spricht vom Verlangen nach schneller Reizbefriedigung, von einer stark steigenden Zahl an Kindern und Jugendlichen, die sich nicht mehr in größere Gruppen eingliedern können und durch Aggressionen mangelnde Zuwendung zum Ausdruck bringen. Er spricht auch über Kinder, die sich nicht mehr mit sich selbst beschäftigen können und denen man nicht mehr so viel Vertrauen entgegenbringt, wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. „Das fängt ja schon beim Schulweg an. Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht allein zur Schule gehen und bringen sie selber hin.“
Der 59-jährige glaubt zu wissen, wie ein schwieriges Kind tickt. „Ich war als Kind selber schwierig. Mein Vater starb, als ich sechs war. Meine Mutter und meine Großmutter waren sehr streng mit mir. Ich hatte des öfteren vor allem mit Männern Probleme“, erzählt der Vater und Großvater.
Schon früh hat sich Heinritz mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt. „Ich war Jungscharführer und Fußballtrainer.“ Nach der Reifeprüfung fing er an der Uni Innsbruck ein Lehramtsstudium an. „Aber ich kam drauf, dass der Lehrberuf nichts für mich ist. Ich fing dann beim IfS in der stationären Wohngruppenbetreuung von Kindern und Jugendlichen an,
alle schwer erziehbar.“
Heute ist für ihn klar: „Jedes Kind ist schwer erziehbar.“ Dass er jetzt die etwas schwerer Erziehbaren als Klientel hat, passt zum begeisterten Fußballer und Radfahrer. Die Begeisterung für seine Aufgabe ist ihm geblieben, auch wenn er als Koordinator der drei Kinderdorf-Privatschulen im Rahmen des Fachbereichs Pädagogische Kooperation nicht mehr so oft direkt mit den Jugendlichen in Kontakt kommt.
Die Entwicklungen in der Schulpolitik mit Auswirkungen auf Jugendliche verfolgt der Sozialexperte genau. Von den jetzt angekündigten Time-out-Klassen ist Heinritz nicht unbedingt überzeugt. „Das klingt mir zu sehr nach isolierten Gruppen, die ausgegrenzt werden. Dabei ist es vor allem die Ausgrenzung, die Jugendliche schmerzt und ihnen Probleme bereitet.“

Es wird fest gebaut

Seine Organisation bemüht sich daher, Kinder und Jugendliche in ihrer natürlichen Umgebung zu lassen und die Fachbetreuung im gewohnten Umfeld vorzunehmen. Lebensweltorientierte Betreuung nennt sich das in der Fachsprache. Am Hauptstandort der Einrichtung, am Jagdberg in Schlins, finden sich freilich auch Wohnbereiche für Jugendliche, für die es diese natürliche Umgebung in geordnetem Rahmen nicht mehr gibt. Es wird dort derzeit fest gebaut, um die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern. An der Stärkung von zerbrechlichen jungen Persönlichkeit bauen Heinritz und sein Team ununterbrochen.

Zur Person

Geboren 5. Mai 1960

Beruf Sozialmanager

Wohnhaft Feldkirch

Hobbys Fußball, Radfahren

Lieblingsspeise Schnitzel und Pommes