Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Heimat

16.05.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frau Ammann strampelt zwischen Resignation und Wut. In unserer Gesellschaft ist Bedenkliches zur Normalität geworden. Erinnern Sie sich? „ Das Recht hat der Politik zu folgen“, „ Den Bevölkerungsaustausch kann man nicht leugnen“, „Armin Wolf soll sich ein Sabbatical nehmen“, usw. Internationale Medien wundern sich immer lauter, was bei uns so abgeht. Auch Frau Ammann knobelt noch an einem Zitat: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, entfuhr einst unserem Kanzler eine dumpfe Ahnung. Der Satz ist drei Jahre alt und geht mir nicht mehr aus dem Kopf, sagt sie.

Hässliche Bilder

Wie reagiert so einer, wenn es tatsächlich ans Eingemachte geht? Er muß doch die „hässlichen Bilder“ imaginiert und dennoch als unumgänglich empfunden haben. Hätte er, damals an der ungarischen Grenze, schießen lassen ? Immerhin hat er Teile der Agenda des Regierungspartners übernommen und damit die Wahl gewonnen.

„Immerhin hat er Teile der Agenda des Regierungspartners übernommen und damit die Wahl gewonnen.“

Dabei weiß die Geschichte, daß „ Narrensaum“ und „Einzelfälle“ einem Bodensatz entsprangen, „der sich 1949 als Auffangbecken (VDU) für ehemalige NSDAP-Mitglieder, Heimkehrer und Vertriebene gegründet hatte und schließlich 1956 durch die Gründung der FPÖ absorbiert wurde“ – eine Art österreichischer Revisionismus light, tradiert über Generationen, je nach Atmosphäre abgeschwächt oder getarnt, als variable Wolke, die so tut, als würde sie sich mit der Mitte arrangieren, in Wahrheit aber nie ihre Wurzeln vergessen hat.

Rote Linien

Grundtendenz beim ideologischen Restmüllverwerten blieb immer eine demokratieskeptische, ausgrenzende, völkische Reinheit und autoritäre Führung anstrebende Haltung, kulminiert in einer Heimat-Partei, die Österreich vor einigen Jahren noch als „Missgeburt“ bezeichnet hat. Echten Wirtschaftsliberalen, die es in dieses Sammelbecken verschlagen hat, muss es wie eine Sisyphus-Last erscheinen, die ewigen Rülpser unter den Teppich kehren zu müssen. Rote Linien? Klappt nicht. Wird doch alles im Bierzelt umgehend widerrufen.
Der Historiker Meinrad Pichler konstatierte einst: „Ausgetauscht wurden damals die politischen Eliten und die unmenschlichsten Auswüchse des NS Regimes öffentlich verurteilt. Der Rest war Schweigen, d.h. die NS-Ideologie als Ganzes wurde nicht in ihrer Entstehung, in ihren Zutaten und Wirkunsgweisen wirklich aufgearbeitet, sondern in den Untergrund abgedrängt.“ Und stets waren es unselige Versuche, die Nachfahren salonfähig zu machen. Vielleicht hat der taube Kanzler vergessen, dass uns die Welt dabei zusieht. Aus einschlägigen Gründen.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.