Susannes Ehemann outete sich in einer Ehekrise als homosexuell

16.05.2019 • 06:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Susanne heiratete ihre große Liebe und gründete eine Familie. Sie wusste nicht, dass ihr Mann schwul ist.

Susanne war mit einem homosexuellen Mann verheiratet. VN/kum

Schwarzach Sie kam als Mädchen zur Welt, und nicht als Bub. Das verziehen ihr die Eltern nicht. „Mir wurde nicht vermittelt, dass ich wertvoll bin.“ Susanne* (54) erfuhr von ihrer Mutter und ihrem Vater keine Zuneigung. „Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich einmal an sich gedrückt hätten.“

Dafür erinnert sie sich noch lebhaft an ein Erlebnis, das ihr schreckliche Angst einjagte. „Ich war vier oder fünf Jahre alt. Ich besuchte die Oma, aber sie war nicht da. Nur ihr 17-jähriger Untermieter war da. Er hat mich aufs Sofa gezerrt und mir einen schwarzen Polster aufs Gesicht gedrückt. Dann habe ich ihn stöhnen gehört. Heute denke ich, dass er über mir masturbiert hat.“ Als er von ihr abließ, rannte das kleine Mädchen heulend davon. Danach hatte Susanne vor jedem Mann Angst. „Wenn ich einen Mann pinkeln sah, bin ich in den Wald gerannt und habe mich hinter einem Baum versteckt.“ Eine weitere Folge des traumatischen Erlebnisses war, dass Susanne plötzlich zur Bettnässerin wurde.

Das Mädchen mit der panischen Angst vor Männern wuchs heran und und studierte an der Universität. „Ich wollte Lehrerin werden. Das war schon immer mein Wunsch.“ Aber kurz vor der Diplomprüfung und ihrem 24. Geburtstag erlitt die Studentin einen schweren Schlaganfall. Dieser durchkreuzte ihre beruflichen Pläne. Sie schaffte zwar noch mit Mühe und Not die Abschlussprüfung. „Aber ich hätte nicht mehr vor einer Klasse stehen können, denn ich ertrug keine Menschenansammlungen mehr. Sie jagten mir panische Angst ein.“

„Norbert bedeutete mir alles. Ich mochte ihn mehr als mich.“

Susanne

Aber Susanne, die seit dem Schlaganfall sehbehindert ist, fand ihr Glück im Privaten. Nach dem Studium heiratete die junge Frau ihren Mitstudenten Norbert*, den sie seit drei Jahren liebte und der fest zu ihr gehalten hatte in der schweren Zeit. Beide wünschten sich mehrere Kinder. „Ich war der glücklichste Mensch, als ich bemerkte, dass ich schwanger bin.“ Susanne, die mehreren Kindern das Leben schenkte, ging in der Mutterrolle voll auf. „Ich war eine glückliche Mutter.“ Auch mit ihrem Mann, so fand sie, hatte sie Glück. „Wir waren ein gutes Team. Er unterstützte mich in der Familienarbeit.“ Norbert bedeutete ihr alles. „Ich mochte ihn mehr als mich.“ Mit ihm wollte sie alt werden.

Im Tal der Tränen

Doch es kam völlig anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Als eine Tochter schwer erkrankte und einen Suizidversuch nur knapp überlebte, geriet das Paar bzw. die Familie in eine Krise. Schon vorher hatte sich Susanne wie in einem goldigen Käfig gefühlt. „Ich wusste nicht, warum ich unglücklich war. Ich hatte ja alles.“ Am Zenit der Krise kam es zum Eklat. „Nach dem Zubettgehen sagte Norbert zu mir: ,Susanne, ich bin schwul. Aber das ist ja nicht so schlimm. Es wäre viel schlimmer, wenn ich dich mit einer Frau betrügen würde.“ Am Morgen nach seinem Outing versuchte Susanne, sich mit Tabletten das Leben nehmen. „Ich wollte mich nicht wirklich umbringen. Aber mein Verstand war nicht eingeschaltet.“ In den Wochen nach dem Selbstmordversuch durchschritt sie ein Tal der Tränen. „Ich weinte eine Badewanne voller Tränen. Abends habe ich mir ein Handtuch mit ins Schlafzimmer genommen.“

„Ich weiß, dass ich stark bin“

Sie liebte ihren Mann noch immer sehr, aber sie wusste: „Ich kann nur überleben, wenn ich mich von ihm trenne. Ich kann keine Scheinehe führen und will nicht das Gefängnis eines Menschen sein.“ Nach der Scheidung stand sie mit den Kindern allein in der Welt. „Weder Norbert noch meine Mutter trauten mir zu, dass ich es allein schaffe.“ Doch wider Erwarten bewältigte die mehrfache Mutter den Alltag mit den Kindern. Sie suchte und fand eine geringfügige Anstellung, begann sich ehrenamtlich zu engagieren und regelmäßig Sport zu machen. Heute genießt sie ihr Leben. „Es geht mir gut. Ich fühle mich wertvoll und nicht behindert.“ Früher wusste sie nicht, dass sie stark ist. Heute weiß sie es. Deshalb macht ihr die Zukunft auch keine Angst. „Egal, was kommt, es wird weitergehen. Ich fürchte mich weder vor dem Leben noch vor Krankheit und Tod.“

*Namen von der Redaktion geändert

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