Zwischen Kritik, Phobie und Feindlichkeit

16.05.2019 • 17:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wann hört Islamophobie auf, wann beginnt die Feindlichkeit?

Schwarzach Viel wird über den Islam diskutiert. Fast täglich wird gegen die gesamte Religion polemisiert, fast täglich folgt auf gerechtfertigte Kritik auch der Vorwurf der Islamophobie. Einige Begriffe sind allerdings wichtig zu verstehen: Was heißt islamophob? Was bedeutet islamfeindlich? Was ist der politische Islam, was heißt Fundamentalismus?

Der Politikwissenschaftler und Religionspolitologe Hüseyin I. Cicek hat für die Vorarlberger Nachrichten jetzt wieder ein kleines Begriffslexikon zusammengestellt, um das Thema besser diskutieren zu können. So gibt es zum Beispiel Unterschiede zwischen Islamophobie, Islamkritik und Islamfeindlichkeit.

Islamophobie: Der Begriff setzt sich aus „Islam“ und „Phobie“ (altgriechisch für Angst) zusammen und dient dazu, die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt pauschal mit Vorurteilen zu belegen. „Islamophobie“ verweist auf Individuen oder Kollektive, die durch ein hohes Maß an Furcht den Islam und Muslime als weltweite Bedrohung wahrnehmen. Ursprünglich kommt der Begriff aus Großbritannien und fand 1997 im Zuge der Studie „Islamophobia – A Challenge for Us All“ Eingang in die Wissenschaft. Islamophobie zeigt sich dann, wenn der Islam als minderwertig, besonders gewaltbereit, monolithisch, statisch, frauenfeindlich, fremd etc. klassifiziert wird.

Ebenso gehört die pauschale Ablehnung muslimischer Kritik am Westen dazu, auch wenn die Kritik begründet sein kann. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive können gewisse muslimische Gemeinschaften als wenig entschlossen klassifiziert werden, sich moderne gesellschaftliche sowie rechtsstaatliche Prinzipien anzueignen.

Historisch gesehen ist die traditionelle Kleidung in einigen europäischen Ländern fremd. In diesen Fällen handelt es sich sehr wohl um pauschale Ablehnung, ob von „Phobie“ explizit gesprochen werden kann, ist schwierig auszumachen.

Islamfeindlichkeit: Der Anspruch dieses Begriffs ist es, massive Ablehnungen und Anfeindungen gegenüber Islam und Muslimen deutlich zu machen.

Er genießt in der wissenschaftlichen Debatte bisher jedoch nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie Islamophobie. Islamfeindlichkeit bedeutet verallgemeinernde bis bewusst unterlassene Bemühungen, differenziert über Islam und Muslime zu reflektieren, sie sogar als Gefahr darzustellen. Parteien und Bewegungen, deren Identität vor allem durch die allgemeine Ablehnung von allem „völkisch Fremden“ konstituiert ist – wie etwa die rechtsextremistische NPD, die Identitären oder die rechtspopulistische AfD – kann Islamfeindlichkeit attestiert werden.

Auch auf verschiedenen Internetplattformen lässt sich die Islamfeindlichkeit aktuell gut dokumentieren. 

Islamkritik: Dieser Begriff ist oft Vorwand, um feindliche Positionen gegenüber dem Islam und Muslimen salonfähig zu machen. Da der Begriff Kritik weder in Politik, Öffentlichkeit noch in der Wissenschaft negativ besetzt ist, lässt nur eine genaue Lesart erkennen, welche Absichten Kritiker verfolgen. Eine Möglichkeit, zwischen aufrichtiger Islamkritik und verschleierter Feindschaft gegenüber dem Islam und Muslimen im Gewand der Islamkritik zu unterscheiden, ist: Widmet sich die Kritik bestimmten Interpretationen der Religion und klassifiziert den Islam nicht pauschal als Feindbild? Lehnt sie ihn nicht ab?