Ganz anders als bei uns

17.05.2019 • 14:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Nach dem fürchterlichen Mordanschlag am 15. März 2019 in Neuseeland, bei dem 51 Menschen ums Leben kamen, sagte die Regierungschefin Jacinda Ardern, ihr Land stehe für Vielfalt, Herzlichkeit, Mitgefühl, sei und bleibe eine Heimat für die, die unsere Werte teilen. Die Bürgermeisterin von Christchurch, dem Ort des Verbrechens, betonte, dass der Anschlag die Werte des Landes nicht erschüttern könne.

Wenn bei uns so etwas (hoffentlich nie) passiert, wäre die Reaktion sofort: noch strengere Kontrollen, noch schärfer durchgreifen, noch mehr bestimmte Gruppen kriminalisieren. Ich finde es verrückt, dass in Florida Lehrer Schusswaffen tragen dürfen, um bei einem eventuellen Amoklauf eines Schülers Schlimmeres zu verhindern. Man fragt nicht, warum so etwas geschieht oder was man tun kann, um das präventiv zu verhindern, z.B. mit strengeren Waffengesetzen, mit mehr Achtsamkeit, wenn Jugendliche gemobbt, gedemütigt werden und sich in ihnen Hass anstaut. Nein, die Lehrer werden bewaffnet! Gewalt mit noch mehr Gewalt einzudämmen ist der falsche Weg. Das war ja immer das Prinzip der atomaren Aufrüstung.

Und wer fragt bei unseren sozialen Problemen oder auch bei den Flüchtlingsdebatten nach den Werten? Doch, viele tun es, auch die „Sonntagsdemonstrierer“, die gleich einmal als „Linke“ abqualifiziert und schlecht gemacht werden.

Wie ich auf dieses Thema komme?

Morgen wird in den Kirchen der Bibeltext vorgelesen, der für uns Christen eine Art „Magna Charta“ ist: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben! (Joh 13,34) Diese Latte liegt sehr hoch. Das wäre ja schon das Paradies, wenn uns das gelänge, aber anfangen könnten wir trotzdem damit. Wir sollen einander lieben, einer, eine den Anderen oder die Andere, aber damit sind nicht nur die Freunde, Freundinnen gemeint, die Angehörigen, die Nachbarn, die Österreicher, sondern alle Menschen sind „Andere“. Von da her kann es im Sinne Jesu nie heißen: „America first“, auch nicht Österreich zuerst, oder ich zuerst. Martin Buber übersetzt den Aufruf zur Nächstenliebe so. „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“, er hat die gleichen Sehnsüchte, Hoffnungen, Leiden wie wir alle. Wenn wir schon von Werten reden, wäre das gleich ein Thema.

Konkretisierung

Kardinal König sagte in einem Interview: „Das Altertum hat von vier Haupttugenden gesprochen: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit. Heute würde ich vier neue Kardinalstugenden hinzufügen: Ehrfurcht, Toleranz, Friedensliebe und Solidarität.

Die Ehrfurcht ist so wichtig, weil wir erst durch die Katastrophe der Konzentrationslager erfasst haben, was es bedeutet, andere in ihrer Würden und Freiheit zu missachten. Positive Toleranz ist entscheidend für das Zusammenleben im Staat, Friedensliebe für die Völkerverständigung. Solidarität ist die Überzeugung, wir alle sitzen in einem Boot.“

Da kommen alle Werte zur Sprache, auf die wir uns einigen sollten, die den Hintergrund für unser Verhalten und Politik bilden könnten. Stellen wir uns vor, wir würden die derzeitigen politischen Schlagworte durch das „Sieb“ dieser vier angeführten Haltungen schütteln, was bliebe da noch übrig?

Bei uns persönlich anfangen

Kann ich unterschreiben, was in der Hl. Schrift als Umsetzung des Gebotes der Nächstenliebe steht? Da sind jetzt alles Bibelstellen im Zweiten Testament: Nehmt einander an (Röm 15,7), sorgt füreinander (1Kor 12,25), tröstet einander (1Thess 5,11), ertragt einander (Eph 4,2), seid gütig und barmherzig zueinander (Eph 4,32), verzeiht einander (Kol 3,13), schätzt einander höher ein als euch selbst (Phil2,3), seid gastfreundlich zueinander (1Petr 4,9), begegnet einander in Demut (1Petr 5,5), weist einander zurecht (Röm 15,14), seid einmütig untereinander (Röm 12,16), achtet aufeinander (Hebr 10,24), betet füreinander (Jak5,6), die Liebe schuldet ihr einander (Röm 13,8)…Was davon lebe ich? Womit tue ich mir schwer? Das „Einander-Lieben“, das Jesus einmahnt, dieser große „Schein“ muss umgewechselt werden in die kleinen „Münzen“ des Alltags. Es wäre wert, darüber nachzudenken und zu reden.

afp

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