Gasthofsterben in Vorarlberg: Raumforscher Johannes Herburger nennt Gründe

25.05.2019 • 06:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
VN/LERCH

In Vorarlberg schließen immer mehr Dorfgasthäuser. Um wie viele weniger davon gibt es im Vergleich zu früher und warum? Der erste Teil der vierteiligen VN-Serie geht diesen Fragen nach.

Rankweil, Schwarzach Erst vor wenigen Wochen schloss das Messmer in Lochau seine Pforten, es folgte der Adler in Klaus, und auch die Nachricht, dass das Traditionsgasthaus Sternen in Rankweil bald nicht mehr sein wird, war für viele Stammgäste wohl ein Schock.

Auch Johannes Herburger hat schwer zu schlucken, wenn er an die Entwicklung der regionalen Gastroszene denkt. Er tritt zwar nicht in die Fußstapfen seiner Eltern, die den Gasthof Mohren in Rankweil führen, doch beschäftigt sich der Raumforscher beruflich intensiv mit der dörflichen Gasthof-Situation in Vorarlberg. Für den Verein Verein Dorfleben und in Zusammenarbeit mit Vorarlberger Institutionen beschäftigte er sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv mit dem Thema und erstellte eine Studie zur Situation dörflicher Gasthäuser im Land. In der fünfteiligen VN-Serie werden die Ergebnisse der Studie am Beispiel verschiedener Vorarlberger Dorfgasthäuser vorgestellt.

Was wäre Vorarlberg ohne seine Dorfgasthäuser? Seit jeher bilden sie in den Ortschaften den Kern des sozialen Lebens, sind gesellschaftliche Treffpunkte für Familie, Freunde und Vereine. Sie sind Orte der Kommunikation, die Wirte galten als wichtige Informationsquellen und Meinungsbildner und das lange vor WhatsApp, Twitter und anderen sozialen Medien. In Gasthäusern wurden politische Entscheidungen getroffen; lauter Funktionen, die in den letzten Jahrzehnten weitgehend verloren gingen.

„Gasthäuser sind ein Ort, an dem viele Vorarlberger Werte zum Ausdruck kommen: Gastfreundschaft, Regionalität und Unternehmertum.“

Johannes Herburger, Raumforscher

„Gasthäuser sind ein Ort, an dem viele Vorarlberger Werte zum Ausdruck kommen: Gastfreundschaft, Regionalität und Unternehmertum. Dadurch nehmen sie im kollektiven Bewusstsein eine wichtige Rolle ein“, erläutert der 29-jährige Johannes Herburger. „Allerdings darf man sich auch nicht von einem verklärten Blick – nach dem Motto „Früher war alles besser“ – täuschen lassen.“

Der Sternen in Rankweil, wurde 1899 von Familie Wetzel übernommen. Bald wird er seine Pforten für immer schließen.Archiv der Marktgemeinde Rankweil

In Vorarlberg gibt es circa 500 Gasthäuser weniger als noch vor 70 Jahren. Im Jahr 1950 existierten noch 877 Betriebe, die in die Kategorie Gasthäuser oder -höfe fielen, insgesamt sogar 1080 Gastronomiebetriebe. Heute sind es über 2260 Gastronomiebetriebe, während in in die Kategorie Gasthäuser (ohne Gästezimmer) und -höfe (mit Gästezimmer) nur noch knapp über 370 fallen, wobei auch die Weiterentwicklung der Betriebe eine Rolle spielt. „Was früher in die Kategorie Gasthaus fiel, wird heute oft in der Kategorie Restaurant oder Hotel geführt. Die Kategorisierung ist nicht immer ganz trennscharf“, erklärt Herburger.

Verschiedene Gründe für den Rückgang

Doch woran liegt der Rückgang der Gasthäuser? Herburger ortet verschiedene Gründe für die Negativentwicklung. Einerseits hat die Gastronomie nicht umsonst den Ruf eines harten Pflasters: Wochenend- und Feiertagsdienste, arbeiten am Abend und wenn andere Urlaub haben. Dass immer mehr Dorfgasthäuser schließen, hat aus Herburgers Sicht aber nicht nur mit einer angespannten Personalsituation zu tun, sondern auch damit, dass die Gastronomie sehr investitionsintensiv ist: „Das hängt unter anderem mit den behördlichen Auflagen, wie Lufthygiene oder Schutz der Gäste und Arbeitnehmer, zusammen.“ Dass diese dem neuesten Stand der Technik anzupassen sind, mache Investitionen an älteren Gebäuden sehr teuer.

Darüber hinaus existiere die ländlich geprägte Dorfgemeinschaft wie früher nicht mehr, was Hand in Hand mit der zunehmenden Anonymisierung des Dorflebens einhergeht. So verliert etwa die Landwirtschaft immer mehr an volkswirtschaftlicher Bedeutung. Früher waren Gasthäuser wichtige Treffpunkte, nicht nur fürs Biertrinken unter Männern, sondern auch Drehscheiben für den Vieh- und Rohstoffhandel: „Mit dem landwirtschaftlichen Strukturwandel, dem Schließen vieler Bauernhöfe und dem Rückgang der Landwirtschaft, hat das Gasthaus diese Funktion weitgehend verloren“, sagt der Raumforscher.

Das Gasthaus Schäfle in Altenstadt besaß bis 1914 eine eigene Brauerei und bis in die 1980er-Jahre im Seitentrakt (links) eine Metzgerei. Volare/Sammlung Risch-Lau 1963

„Einerseits haben sich viele Orte zu sogenannten Schlafgemeinden, also Auspendlergemeinden entwickelt“, stellt Herburger fest. Andererseits haben sich Wohn- und Arbeitsort sowie Plätze für Freizeitaktivitäten durch höhere individuelle Mobilität entflochten: „Als Treffpunkt dient somit nicht nur das Gasthaus im eigenen Dorf, sondern oft Einkaufszentren, in denen sich zahlreiche Gastronomiebetriebe befinden, oder gerade für junge Menschen etwa das Fitnessstudio.“

Immer mehr internationale Küche

Als dritten Grund für den Rückgang von Gasthäusern lässt sich die zunehmende Internationalisierung und Globalisierung der Branche festmachen: „Seit Beginn der 1960er-Jahre nimmt die Zahl nicht-heimischer Betriebe stark zu, was nicht nur mit der Zuwanderung aus Italien, der Türkei oder Asien zu tun hat, sondern auch mit dem Wunsch der Bevölkerung nach exotischerem Essen“, stellt der Rankler fest. Das immer breiter werdende Angebot habe einen verschärften Wettbewerb zur Folge, der durch Onlineplattformen und Lieferdienste zusätzlich verschärft wird.

Für Johannes Herburger steht jedenfalls fest: „Der Wandel in der Gastronomie ist ein Abbild des gesellschaftlichen Wandels.“ Doch was kann gegen ebendiesen Strukturwandel getan werden? Insbesondere Gasthäuser können nur überleben, wenn das Konkurrenzdenken hintangestellt wird, sie zusammenarbeiten und innovativ sind, ist Herburger überzeugt. „Durch den Austausch mit anderen Gastronomen und mit Behörden können Lösungen gefunden werden.“ Wie ein solcher ausschauen kann, wird in den folgenden Teilen dieser VN-Serie erklärt.

Lesen Sie kommenden Samstag im zweiten Teil der VN-Serie: Pächtersuche und Personalprobleme.

VN/Lerch
VN/Lerch