Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ein Knall (4)

Vorarlberg / 28.05.2019 • 06:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Früh am Morgen ging der Mann aus dem Haus, seine Frau stellte sich schlafend, weil sie nicht mit ihm reden wollte. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, stand sie auf, ging zum Fenster und schaute ihm nach. Sie sah seine Gestalt von oben, den grauen Mantel, die gebeugten Schultern, und da kam sie sich schuldig vor. Sie war keine gute Frau. Hieß das, sie war eine schlechte Frau? Sie verrichtete ihre Morgenarbeiten, legte die Matte auf den Boden und begann mit ihren Yoga-Übungen.

Die Nachbarin, die so schön lachte,

immer und immer, stand vor ihr, gleich sank sie

in sich zusammen und fiel hin.“

Da hörte sie aus der Nachbarwohnung einen Knall, bald darauf einen Schrei.
Sie zog sich den Morgenmantel über, schlüpfte in die Hausschuhe und klingelte bei der Nachbarin. Niemand rührte sich. Noch einmal klingelte sie. Ihr kam die Idee, dass der Russe, den sie nur ein einziges Mal gesehen hatte, seine Frau zu Boden gestoßen haben könnte. War sie tot?

Noch einmal klingelte sie.
Sie hörte ein Stöhnen, dann endlich öffnete sich die Tür. Die Nachbarin, die so schön lachte, immer und immer, stand vor ihr, gleich sank sie in sich zusammen und fiel hin.
„Was um Himmelswillen ist geschehen! Ich rufe die Rettung!“
„Nicht, nicht“, sagte die Nachbarin, die so schön lachte, immer und immer, „nicht, nicht. Ich bin gestürzt. Ich stürze nie. Aber jetzt bin ich gestürzt.“
Über ihre Stirn rann Blut.
Eine hielt die andere, Frau und Frau, und sie stellten sich einander vor: die Frau, die nie lachte, Gerti; die Frau die immer lachte, Liv.
„Wo ist Ihr Mann?“ fragte Gerti.
„Er arbeitet, und ich mache nur Probleme“, sagte Liv.
„Aber Sie lachen“, sagte Gerti und lief in ihre Wohnung und kam zurück mit dem Verbandskasten. „Sie lachen immer und immer. Wir hören Sie durch die Wand. Ich würde gern so lachen können wie Sie.“
„Sie müssen wissen, ich habe den besten Mann“, sagte Liv. „Er hat mich gerettet, hat mir seine Niere geschenkt, ihm verdanke ich mein Leben. Darum lache ich.“
Liv war dick und schwer, und Gerti gelang es nicht, sie vom Boden aufzuheben. So lief noch einmal in ihre Wohnung und brachte ein Kissen mit, das mit den Goldfäden, und legte es unter Livs Kopf. Liv hatte ein schönes Gesicht, wirklich ein schönes Gesicht, gewiss vom vielen Lachen, das weiß ja, jeder, dass Lachen schön macht. Wenn ich so schön wäre, dachte Gerti, und so schön lachen könnte, dann würde es mich nicht stören, wenn ich so dick wäre. Noch einmal lief sie in ihre Wohnung, kam mit dem Handy zurück. Sie rief ihren Mann an, der im Büro an seinem Schreibtisch saß:
„Komm schnell“, sagte sie „die Frau, die abends immer so schön lacht, liegt auf dem Fußboden. Ich sitze neben ihr. Sie ist verletzt.“
Liv zeigte ihr an, dass sie auch etwas sagen wollte. Sie sagte ins Handy hinein: „Sie haben eine liebe Frau. Sie ist stark. Aber ich bin leider zu dick und zu schwer. Lassen Sie sich Zeit, wir beide sitzen gut.“

Die Krücken lagen auf dem Boden, eine vor der Küchentür, die andere vor der Wohnzimmertür. Ganz still war es. Man hörte einen Vogel singen.
„Eine Amsel“, sagte Liv, „ein Wunder, ihr Gesang!“

Monika Helfer
monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.