Zuhälterkriege in Vorarlberg, gedungene Killer und Saugülle

Vorarlberg / 31.05.2019 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hans Poiger, ehemaliger Chefinspektor des Landeskriminalamtes, war als Kriminalist unmittelbar mit den bisweilen brutalen Auseinandersetzungen im Milieu betraut. VN

Nach 16 Morden im Vorarlberger Rotlichtmilieu haben sich die Wogen geglättet.

Schwarzach Mitte der 70er-Jahre blätterten Freier aus der Schweiz und Deutschland für Liebesdienste von „Gewerblichen“ in Vorarlberg 100 Deutsche Mark bzw. 100 Schweizer Franken hin. An die 300 Prostituierte empfingen im ganzen Ländle in Hotels und auf der Straße zahlende Kunden, das Geschäft blühte. Aus dem Dreiländereck wurde ein „goldenes Dreieck“.

Brutale Revierkämpfe

Das blieb nicht unverhallt. Zuhälter aus Salzburg und der Steiermark zogen nach Westen. Brutale Revierkämpfe mit alteingesessenen Milieugrößen waren vorprogrammiert. Und tatsächlich sollte ein noch nie dagewesenes Morden folgen.

Sprengstoffattentate, Messer, Pistolenkugeln, Handgranaten und Erwürgen. Das Repertoire an krassen Tötungsmethoden ließ beinahe nichts aus. Im August 1984 flog in Bregenz der Wohnwagen des amtsbekannten Zuhälters Kurt Sch. (43) in die Luft, mit ihm wurde seine fünfjährige Stieftochter zerfetzt. Fünf Jahre zuvor verübte der 24-jährige Grazer Zuhälter Harald M. unter Beteiligung von sechs weiteren Standesgenossen –  alle bewaffnet, unter anderem mit Eisenketten – in Lustenau einen Anschlag auf den Revierhalter Josef S. Er erschoss den Vorarlberger Zuhälter aus dem fahrenden Wagen heraus und raste im Anschluss gegen das Haus eines weiteren amtsbekannten Zuhälters, den Josef S. gerade besuchen wollte. Ähnliches trug sich 1982 ebenfalls in Lustenau zu. Ein konspirativer Plan unter Zuhältern endete im Gasthaus Helvetia mit einem filmreifen Schusswechsel, bei dem zwei „Strizzis“ im Kugelhagel starben und ein weiterer schwer verletzt wurde.

Schlagzeilen wie diese säumten die Seiten der VN in den 70er- und 80erJahren.
Schlagzeilen wie diese säumten die Seiten der VN in den 70er- und 80erJahren.

Die Vorarlberger Kriminalstatistik weist bis zum Jahr 2008 elf Zuhältermorde und fünf Prostituiertenmorde auf. Von den letzteren blieben drei ungeklärt, in zwei Fällen wurden die Täter ermittelt. Es waren Verbrechen abartiger Freier. In einem Fall der berüchtigte Serienmörder Jack Unterweger, der Heide H. erwürgte, das andere Mal Manfred K., der beim Lauteracher Jannersee eine Prostituierte erstach.

„Hotspot“ Feldkirch

Etwas ruhiger ging es beim zweiten Rotlicht-„Hotspot“ Feldkirch zu. Hier hatten neben 13 weiteren Zuhältern vor allem die konkurrierenden „Bosse“ – der „Bordellier“ Hans L. und der Zuhälter Franz H. –  das Sagen. Ein gedungener Killer kam ins Spiel. Bei einem Schusswechsel in der Montfortstadt blieb ein Beteiligter tot liegen.

Pfarrer, Lehrer und Richter

Auf Einladung des „Vorarlberg Museum“ fand erst kürzlich im Palais Liechtenstein ein Vortrag zur Thematik statt, an dem sich unter anderem der ehemalige Chef-Staatsanwalt Franz Pflanzner und Hans Poiger, ehemals Chefinspektor der Kripo-Gruppe „Sexualdelikte und Delikte gegen Leib und Leben“, teilnahmen. Weitere Referentinnen waren Annette Raschner und Brigitta Soraperra, die für ihr Theaterstück „Liebesdienste“ im Milieu recherchierten. Unter anderem sprachen sie mit einer ehemaligen „frei schaffenden“ Prostituierten aus Feldkirch, die – als „zuhälterlos“ – ständig unter Druck gesetzt worden sei und von „Pfarrern, Lehrern und Richtern“ unter den Freiern sprach.

Die Situation im Fürstentum schilderte Liechtensteins Polizeichef Jules Hoch. Während in Vorarlberg angesichts des wuchernden Straßenstrichs eine eigene Sonderkommission gebildet werden musste, griffen die Liechtensteiner Bürger zu einer anderen rigorosen Methode. „Sie überschütteten die Prostituierten auf der Straße einfach mit Saugülle – und das Problem war vom Tisch“, so Hoch. Heute etablieren sich Etablissements im Land des Fürsten und ein „grenzüberschreitender Dienstleistungsverkehr“, wie der Polizeichef das nennt.

Chefinspektor i. R. Hans Poiger hat besonders viel zu erzählen. So seien die Zeiten der Zuhälterkriminalität in Vorarlberg vorbei. Und das vor allem aus drei einleuchtenden Gründen: „Die Zuhälter sind entweder ermordet worden, in Haft oder ins soziale Abseits geraten.“ Poiger, der im kürzlich veröffentlichten Werk „Das Böse war meine Kundschaft“ (Bucher-Verlag) mit Schriftsteller Franz Kabelka seine Erfahrungen im Kampf gegen das Milieu schilderte, zeichnet das Charakterbild des Zuhälters in einem speziellen Fall: „Ein Zuhälter fügte sich in Fußach einen Streifschuss am Unterarm zu und zeigte der Polizei ein Schussattentat auf ihn an. Der Schwindel wurde aufgedeckt. Sein Motiv für die Selbstverletzung: Als Zuhälter genoss man im Milieu größten Respekt, wenn man sagen konnte, zum Ziel eines Attentats geworden zu sein.“

Ab in die Schweiz

Heute ist es ruhig geworden im Vorarlberger Milieu. Hans Poiger und Ex-Chefstaatsanwalt Franz Pflanzner rechnen dies unter anderem einer verschärften Gesetzeslage und dem Umstand zu, dass der Straßenstrich für Frauen angesichts des steigenden Wohlstands unattraktiv geworden sei. Während es früher umgekehrt der Fall war, gehen Vorarlberger Freier aus „Anonymitätsgründen“ ins St. Galler Rheintal. Dort blüht heute das Geschäft. Beispiel grenznahes Au: Hier gibt es 4000 Einwohner, zwei Tankstellen und fünf Bordelle.

Auch bei den Eidgenossen machten sich Zuhältergrößen einen Namen. Und auch hier gab es Revierkämpfe mit tödlichen Gewaltdelikten. „Wir haben mit den St. Galler Behörden intensiv und sehr gut kooperiert“, sagt Poiger. Das betraf jedoch vor allem den grenzüberschreitenden „Menschenhandel“ mit Prostituierten. „Doch dass es zwischen der Gewaltkriminalität in der Schweiz und Vorarlberg Zusammenhänge gab, schließe ich nach meinem Dafürhalten aus“, so der ehemalige Chefinspektor.