Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Dann muss man noch einmal duschen

03.06.2019 • 16:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Endlich Sommer. Auch dazu gibt es ein Lied von Konstantin Wecker, aber es war über die Jahre auch nicht so wunderbar haltbar wie „Genug ist nicht genug“, ich hab es mir kürzlich angehört; zarte Enttäuschung. Trotzdem: Der Sommer ist nicht mehr nur nicht mehr weit, er ist da. Ich war am Wochenende am Land, grub im Garten, säte Bohnen und Erbsen nach, räumte im Schuppen zusammen. Dann kamen die Nachbarin und der Nachbar und sagten, blüht schön, wie gehts so, gibts was Neues, fährst mit zum See? Ich sagte, ist der See nicht noch zu kalt? Die Nachbarin und der Nachbar sagten, ja, vierzehn Grad oder so, aber egal.

Ja, der See ist noch viel zu kalt, und ja, das ist egal, die Kinder fahren eh nicht mehr mit aufs Land, und wir fahren nicht unbedingt zum See, um zu schwimmen. Sondern um zwei Stunden am Tag keine Arbeit zu sehen. Wer einen Garten hat, hat Arbeit. Manchmal meint man, man hätte für heute alle Arbeit gemacht, duscht sich und setzt sich mit einer Kaffeetasse auf die Bank vor das Haus. Und garantiert wird der Kaffee kalt, weil man doch wieder eine Arbeit sieht, und sie winkt, und dann sind wieder zwei Stunden um, man hat einen ordentlichen Sonnenbrand und muss noch einmal duschen. Deshalb fahren wir an den See, wo keine Arbeit herumliegt, jedenfalls nicht unsere. Wir lümmeln im Schatten unter den Bäumen, schauen über die Wiese aufs Wasser, kommentieren uns durch bunte Modeheftel, tratschen über die Nachbarn, die nicht da sind, und begrüßen die, die auch kommen, um auch mal Pause zu haben. Wenn man Glück hat, hat einer davon in seinem großen Weidenkorb etwas zu essen und zu trinken mit.

Diesmal war der See noch so kalt, dass wir fast ganz allein dort waren, die Nachbarin, der Nachbar und ich. Nur ein paar Schwäne glitten auf dem Wasser und eine paar Angler hielten ihre Angeln hinein. Die Nachbarin und der Nachbar waren mit dem Auto da, aber ich hatte gesagt, ich fahr mit dem Rad, ein bisschen Bewegung tut gut. Das war eine gute Entscheidung, denn kaum hatten wir uns auf die weiche Seewiese gebettet, fielen die Nachbarin und der Nachbar in einen tiefen Mittagsschlaf. Ich blätterte das Modehefterl durch, dann war mir langweilig, ich packte leise meine Sachen zusammen und radelte wieder heim. Links und rechts Felder, Laubwälder und Wiesen, so fett grün, wie sie nur an diesen ersten Sommertagen sind. Alles blüht, alles ist so zum Schmachten herrlich, man möchte irgendwohin eine Jubel-Bewertung schicken, zwölf von fünf Sternen. Als ich in meinem Garten ankam, war der Rasen um vier Zentimeter gewachsen, und er winkte.

„Nur ein paar Schwäne glitten auf dem Wasser und eine paar Angler hielten ihre Angeln hinein.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.