Warum die Wahlbeteiligung in Vorarlberg unterdurchschnittlich ist

Vorarlberg / 03.06.2019 • 08:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
VN/STEURER

Europawahl: Zufriedenheit in Vorarlberg schafft Nichtwähler.

Johannes Huber

SCHWARZACH „Das ist wirklich schwer erklärbar“, bestätigt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle (50) im Gespräch mit den VN: Bei der Europawahl ist die Wahlbeteiligung in Vorarlberg schon wieder unterdurchschnittlich gewesen. Nach 39,2 Prozent vor fünf Jahren hat sie heuer zwar 53 Prozent betragen. Gestiegen ist sie jedoch überall. Österreichweit betrug sie diesmal 59,8 Prozent. In Niederösterreich und im Burgenland gingen gar zwei Drittel der Wahlberechtigten zur Urne. Noch weniger als hierzulande waren es nur in Kärnten mit 52,1 Prozent. Das widerspricht den meisten Thesen. Zum Beispiel jener, wonach bei EU-Wahlen vor allem Europaskeptiker zu Hause bleiben. In Vorarlberg dürften sie nicht stärker vertreten sein als anderswo.

Unterdurchschnittlich

Und überhaupt: Auch bei anderen bundesweiten Urnengängen ist die Wahlbeteiligung im äußersten Westen der Republik unterdurchschnittlich. Warum? Ein Wahlforscher sagt gleich, dass er es nicht erklären könne. Auch eine Meinungsforscherin, die eine Studie über Nichtwähler geschrieben hat, muss passen. Kein Wunder: Nach der deutschen Bundestagswahl 2017 ist untersucht worden, wer die Menschen sind, die Wahlen an sich vorbeigehen lassen. Ergebnis: Häufig sind es Männer und Frauen, die sich nicht für Politik interessieren, wenig Geld haben, die wirtschaftlichen Entwicklungen pessimistisch beurteilen und zurückgezogen leben. Typisch Vorarlbergerisch ist all das nicht.

Zur EU-Wahl im Besonderen und zu anderen Urnengängen im Allgemeinen sieht der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier (51) trotzdem Gründe, die die niedrige Wahlbeteiligung im Land erklären könnten: Erstens, durch Vorzugsstimmenwahlkämpfe sei in Vorarlberg wohl weniger mobilisiert worden als etwa in Niederösterreich. Zweitens, in einem kleinen Bundesland sei möglicherweise das Gefühl verbreiteter, dass man mit einer einzigen Stimme nichts bewege. Und drittens, die ohnehin schon klaren Mehrheitsverhältnisse vor Ort würden die Wahlbeteiligung nicht unbedingt erhöhen.

Ich sage immer wieder, es gibt noch einen wichtigen Nichtwählertyp, das ist der Zufriedene.“

Kathrin Stainer-Hämmerle, Politikwissenschaftlerin

Stainer-Hämmerle, die in Lustenau aufgewachsen und an der FH Kärnten tätig ist, liefert darüber hinaus eine Erklärung, die ganz offensichtlich auch in Expertenkreisen kaum wahrgenommen wird: „Ich sage immer wieder, es gibt noch einen wichtigen Nichtwählertyp, das ist der Zufriedene.“ Das könnte schon eher Vorarlbergerisch sein. Zufriedene sind jedenfalls Personen, die der Ansicht sind, dass letzten Endes eh alles ganz ordentlich läuft und sie daher nicht wählen gehen müssen, um etwas zu verändern.

Bemerkenswert: Stainer-Hämmerle ist der Überzeugung, dass eine hohe Wahlbeteiligung nicht zwingend gut ist. Im Gegenteil: Sie könne auch Ausdruck einer starken Polarisierung und einer ebensolchen Emotionalisierung sein: „Und bei solchen Verhältnissen gewinnt selten die Mitte.“