Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Sie gehört mir (5)

Vorarlberg / 04.06.2019 • 16:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die beiden Frauen sahen einander an, Liv und Gerti. Eine war verlegen wie die andere.

Liv nahm die Hand von Gerti und drückte sie: „Sie sind auch ein guter Mensch, Sie haben mich gerettet. Ich bin immer die, die gerettet werden muss. Immer und immer. Ich war jung und mit meinem schnellen Auto unterwegs. Ein Tanklaster lag auf der Straße. Dann der Unfall. Flammen schlugen aus dem Tanklaster. Ich wusste nichts mehr. Da kam dieser bärtige Mann, der ein Russe war und mich rettete. Er hob mich auf und brachte mich ins Krankenhaus. Dieser bärtige Russe hatte einen Strahlenkranz, lachen Sie nicht, Gerti! Er hatte wahrhaftig einen Strahlenkranz. Gewiss, es waren die Endorphine, die mich das glauben ließen, so viel Blut gab es. Ich sah mich auf einem fliegenden Teppich. Ich war zwei Mal, einmal im Beichtstuhl, ein anderes Mal im Krankenbett. Warum im Beichtstuhl? Das habe ich mich gefragt. Es ist so, glauben Sie mir, Gerti. Auch knapp vor dem Tod stellt man sich Fragen. Ich dachte, ja, gut, ich lebe in einem Krankenbett, ich bin im Spital, man hat mich ins Spital gebracht, der Mann mit dem Bart und dem Strahlenglanz hat mich ins Spital gebracht. Aber warum bin ich zugleich im Beichtstuhl? Der Mensch ist doch ein Rätsel, habe ich nicht recht? Sagen Sie, Gerti, habe ich eine tiefe Wunde an der Stirn?“

„Seien Sie unbesorgt, liebe Liv“, sagte Gerti. „Sie machen mich glücklich, dass ich Ihnen helfen darf. Ich will in Zukunft auch so viel lachen wie Sie.

„Sie saßen auf ihren harten Stühlen und warteten auf den Abend. Wieder hörten sie durch die Wand Liv lachen.“

„Der Mann mit dem Bart und dem Strahlenglanz“, sagte Liv, „ist mein Mann geworden. Er hat mir eine Niere geschenkt. Morgen bringt er mich zum Frisör. Empfehlen Sie mir eine neue Haarfarbe? Weißblond vielleicht, das wäre eine Spur heller als meine Naturfarbe, würde zu seinem Strahlenkranz passen.“

Friedlich saßen die beiden Frauen am Boden.

„Hören Sie die Amsel?“, fragte Liv, „sie singt für mich.“

Da kam endlich Gertis Mann, er hob Liv auf und führte sie zum Sofa, deckte sie zu und brachte ihr einen Wodka und trank gleich auch einen.
Als die beiden wieder in ihrer Wohnung waren, sagte Gerti: „Mich hast du auf dem Boden sitzen lassen, hast mich nicht beachtet, so als wär ich ein Stück Nichts. Auch keinen Wodka hast du mir eingeschenkt. Nichts!

Sie saßen auf ihren harten Stühlen und warteten auf den Abend. Wieder hörten sie durch die Wand Liv lachen

„Sie lacht“, sagte Gerti.

„Sie lacht“, sagte ihr Mann. „Aber sie gehört mir.“

„Ihr Lachen gehört dir“, sagte Gerti. „Was sie mir erzählt hat, gehört mir.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.