Gasthofsterben in Vorarlberg: Wenn Herz und Seele eines Ortes verloren gehen

08.06.2019 • 16:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das von Gertraud Pinkelnig geführte Max Danner war über drei Jahrzehnte beliebter Treffpunkt in Dornbirn.VN/LERCH

Gasthäuser bilden seit je wichtige gesellschaftliche und soziale Treffpunkte. Der dritte Teil der VN-Serie zeigt, wo so mancher Wirt wehmütig zurückblickt, aber auch, wo Not erfinderisch macht.

Dornbirn, Göfis Immer mehr Gasthöfe in Vorarlberger Orten verschwinden, und damit auch die Geselligkeit. „Stirbt der Wirt, stirbt das Dorf“, lautet ein bekannter Spruch. Seit jeher stellen Gasthäuser den gesellschaftlichen Mittelpunkt eines Dorfes dar. Man traf sich zum Essen und Trinken, Kartenspielen oder um Feste zu feiern.

Das Schäfle, das zwar offiziell so hieß, aber als Max Danners Gastwirtschaft besser bekannt war, bildete über Jahrzehnte hinweg einen solchen Treffpunkt für Menschen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Gertraud Pinkelnig führte das traditionelle Gasthaus in Dornbirn-Hatlerdorf im alten Stil über 30 Jahre lang mit Leib und Seele. 1982 hat Pinkelnig das gemütliche Gasthaus behutsam renoviert. “Den ursprünglichen Charakter und den typischen Charme der Stuben zu bewahren, war mir sehr wichtig.“

Wie bei vielen Wirten in früheren Zeiten wurden damals auch eine Bäckerei und eine Gemischtwarenhandlung betrieben. „Das war früher üblich, um auch in Krisenzeiten gut über die Runden zu kommen. Diese Nebengewerbe wurden im Familienverband geführt, wodurch sich natürlich die Personalkosten verringerten“, erklärt Johannes Herburger, der sich im Zuge einer Studie mit der Gasthaussituation in Vorarlberg auseinandergesetzt hat.

Während – wie die VN berichteten – viele traditionelle Gasthäuser mitunter keine Nachfolger mehr finden, scheiterte es in Pinkelnigs Fall allerdings nicht an fehlendem Personal, denn die Dornbirnerin betrieb das Danner seit jeher auf eigene Faust. „Ich wollte keinen Pächter, weil ich sehe, dass diese momentan keine Chance hätten, solange sich in der Politik nichts ändert“, stellt Pinkelnig fest. Die Küche, die Geräte, das alles sei teuer und rentiere sich kaum noch, wenn dann noch Personalkosten dazukommen, sowieso nicht. „Der Gast weiß oft nicht, welcher Aufwand hinter Qualität, Service und Ambiente steckt.“

Neue Wege in Göfis

Als sie sich vor drei Jahren zur Ruhe setzte, schlossen sich die Pforten des bekannten Gasthauses und damit ein wichtiger Treffpunkt in Dornbirn. „Die Wände könnten viel erzählen“, sagt die Wirtin mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Sie blickt gerne auf diese Zeit zurück, auch wenn es selten Tage gegeben habe, an denen sie vor den frühen Morgenstunden ins Bett gekommen ist: „Ich würde es sofort wieder machen, denn es hat mir einfach Spaß gemacht“, resümiert die Danner-Wirtin. Mit ihrem Ruhestand verschwand ein weiteres Vorarlberger Traditionsgasthaus, wie 500 andere, die in den vergangenen 50 Jahren geschlossen haben.


bugo in Göfis: Hier steht eine von der Gemeinschaft getragene Initiative im Vordergrund. Wie früher bei Gasthöfen werden mehrere Nutzungen kombiniert.

In Vorarlberg ändert sich die gastronomische Landkarte. Auch in Göfis beschreitet man neue Wege. Die 3500-Einwohner-Gemeinde kennt das Problem der immer weniger werdenden Gasthäuser und damit der schwindenden Möglichkeiten zum geselligen Beisammensein. „Es bestand die Gefahr, dass aus Göfis eine Schlafgemeinde wird, dass es nur noch ein totes Zentrum gibt. Die Menschen fahren am morgen zur Arbeit und kommen am Abend wieder“, erklärt Rudi Malin, Leiter des bugo. Für ein Dorf sei es das Allerschlimmste, wenn es ausgedünnt und ausgestorben ist.

Gemeinschaftsprojekt

Um das zu verhindern, wurde als Gemeinschaftsprojekt vor mittlerweile sieben Jahren das bugo geschaffen. Die alte Bücherei wurde von der Gemeinde gekauft und revitalisiert. Mehr noch: Um einen Treffpunkt zu schaffen, wurde ein kleines Café, wo auch Veranstaltungen abgehalten werden können, eingerichtet. Außerdem können Göfner Produzenten regionale Produkte anbieten. „Damit wird nicht nur das Zentrum gestärkt, sondern auch Identität mit dem Ort vermittelt“, erklärt Malin.

Rudi Malin, Leiter des bugo: „Für ein Dorf ist es das Schlimmste, wenn es ausgestorben ist.“

Ermöglicht wird das Gemeinschaftsprojekt durch 15 Mitarbeiter. Dass einige davon ehrenamtlich tätig sind, zeigt, wie wichtig der Dorfgemeinschaft der Treffpunkt ist. „Es ist ein Miteinander“, betont Malin. Auch Gertraud Pinkelnig hat aus langjähriger Erfahrung gelernt, dass dieses Miteinander unter den Unternehmern wichtig ist. „Man soll nicht gegeneinander agieren. Jeder kann vom anderen lernen, egal welche Größe der Betrieb hat“, betont sie.

Lesen Sie am kommenden Samstag: Wie dem Gasthofsterben im Land durch Kooperationen und neue Impulse entgegengewirkt wird.

Bücherei, Café, Veranstaltungsraum, Marktplatz: Das Göfner Zentrum wurde mit dem bugo revitalisiert.