Demut schafft Verständigung

Vorarlberg / 10.06.2019 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Reuters

An Pfingsten feiert die Kirche Geburtstag und betet zum Heiligen Geist.

Schwarzach Pfingsten ist eines der ältesten Feste des Christentums. Biblisch gründet es auf einem Bericht in der Apostelgeschichte. Er erzählt bildhaft, wie der Geist Gottes die Jünger Jesu beseelt hat: „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“

Gelähmt vor Angst

Die Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazareth lebten zu dieser Zeit in Todesangst. Sie hielten, wie es der Verfasser der Apostelgeschichte erzählt, „aus Angst vor den Juden die Türen verschlossen“. Wenn die staatlichen Autoritäten ihren Meister hatten kreuzigen lassen, dann konnten sie das mit jedem von ihnen auch tun.

Wie die Bibel dann diese existenziellen Ängste ins pure Gegenteil verkehrt, das grenzt schon an Zauberei. Ein Geist überkommt die Zaghaften. Sie reißen die Türen auf, treten hinaus vor die Menge. 50 Tage nach Pessach feiern die Juden ihr Erntefest. In dieser Zeit wird in Israel der erste Weizen geschnitten. Jerusalem ist voller Gäste, und jetzt ergreifen ausgerechnet jene, die vorher alles daransetzten, unsichtbar zu bleiben, frei das Wort. Sie predigen. Sie tun es so überzeugend, dass sich am selben Tag noch 3000 Menschen taufen lassen. Soweit die Bibel.

Anders als in Babylon

Dass jeder die Apostel in seiner Sprache reden hört, diesen Passus hat die Geschichte lange in den Bereich der orientalischen Mythen gerückt, in denen kaum Wahrheit zu erkennen war. Wie sollte das auch gehen? Aber die Geschichte nimmt an diesem Punkt, wie so oft, ein anderes, älteres Bild wieder auf: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Da geschieht das krasse Gegenteil.

Im Weltreich Babylon hatte sich so viel Macht angesammelt, dass die Menschen es satt hatten, auf die Huld einer fernen Gottheit zu warten. Sie begannen, sich selber einen Weg hinauf ins Paradies zu bauen. Sie wollten selber Götter werden. Also legten sie kräftig Hand an. Und der Turm wuchs. Das berühmteste Gemälde davon hat wohl der Niederländer Peter Bruegels der Ältere 1563 auf Eichenholz gemalt. Es hängt heute im Kunsthistorischen Museum in Wien. Das Turm darauf ist so mächtig, dass er schon die nahe Stadt überschattet.

Aber dann geschieht das Merkwürdige. Während sie miteinander bauen, bauen sie plötzlich gegeneinander. „Während sie versuchen, Götter zu werden, sind sie in Gefahr, nicht einmal mehr Menschen zu sein“, schreibt der emeritierte Papst Benedikt XVI. in einer seiner Pfingstpredigten, „weil ihnen das Menschlichste, das Miteinander des Verstehenkönnens zerfällt.“ Klingt da eine Analogie zum Heute durch? Zur Menschheit, die noch nie so leistungsstarke Kommunikationsmittel hatte und sich zunehmend schlechter versteht? Die alles andere als einig ist, von der Flüchtlingskrise bis zum Demokratieverständnis?

Das Stundenbuch, ein Gebets- und Andachtsbuch der Katholischen Kirche, kam im 13. Jahrhundert in England in Mode. Dieses Stundenbuch stammt aus Ferrara. Heute steht es in der Basler Universitätsbibliothek. Es wurde im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts geschrieben. Die 127 Pergamentseiten sind besonders reich bemalt. Im Buchstaben „D“ des lateinischen Wortes Deus (Gott) hat der Buchmaler das Pfingstereignis dargestellt: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“
Basel, Universitätsbibliothek, AN VIII 45, f. 41v – Stundenbuch

Die Lösung der Bibel ist erstaunlich. Nicht die flackernden Flämmchen von oben erwirken das Wunder der Verständigung. Der Völkerapostel Paulus beschreibt es viel nüchterner. Das neue Wort, das der Heilige Geist den Aposteln zu Pfingsten auf die Zungen legt, ist kein Zauberspruch. Es ist ein demütiges Wort. Es ist die kürzeste Form des christlichen Glaubensbekenntnisses: „Jesus ist der Herr.“ Im Alten Testament steht das Wort Herr für Gott. Die Juden treten Gott so ehrfürchtig entgegen, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprechen. Das Pfingstwort ersucht die Zuhörer also, die eigene Selbstherrlichkeit abzulegen. Ein anderer ist „der Herr“. Das ist auch nicht weiter schlimm. Es braucht keine Superstars, keine ersten Geiger. Aber ein Orchester. Das aufeinander hört. So werden die Töne nie dissonant. Denn eingespielte Musiker vertrauen einander. Keiner maßt sich an, Maßstab zu sein.

Bundespräsident Alexander van der Bellen hat die neue Regierung, die nun anstelle der zerstrittenen Parteienvertreter bis zu den Wahlen im September Österreich führen wird, „Vertrauensregierung“ getauft. Eine, deren Maßstab nicht die Parteidoktrin, sondern die Verfassung ist. Minister, die sich nicht gegenseitig ums Rampenlicht betrügen, sondern zusammenarbeiten. Ein richtiges Pfingstwunder also. Aber warum auch nicht? Der Heilige Geist weht ja wo er will. Warum nicht auch mal durch Österreich?