Hinfallen, aufstehen, weitermachen

Vorarlberg / 10.06.2019 • 19:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Susanne Walter und Heris Hund Rudi bleiben dicke Freunde.   VN/HRJ
Susanne Walter und Heris Hund Rudi bleiben dicke Freunde.   VN/HRJ

Susanne Walter verlor einen Sohn, dann ihren Partner, dazwischen eine Weile sich selbst.

Heidi Rinke-Jarosch

laterns Es gibt Menschen, die ziemlich viel aushalten müssen. Zu ihnen zählt Susanne Walter. Die 45-Jährige lässt sich erschöpft auf einen Stuhl nieder, zündet eine Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug. Um den Tisch haben sich ein paar Freunde gesellt. Gäste sind heute keine in der Gaststube. Die „Jausenstation Krone“ hat zu.

Der Heri ist tot. Susanne Walters Lebenspartner ist am 19. Mai gegangen. „Einfach so“, sagt sie. 62 war er, der Heri. Es war ein Sonntag. Susanne stand seit neun Uhr in der Küche, um die Speisen vorzubereiten, die auf der Karte standen. „Um halb zwölf Uhr fragte ich mich, was macht der Heri so lange? Er sollte doch schon längst herunten sein und mir helfen.“ Er wird wohl noch müde sein, dachte Susanne. „Als dann kurz vor ein Uhr der Rudi allein die Stiege heruntertappte, überkam mich ein seltsames Gefühl.“ Rudi, Heris Border-Collie, kommt nämlich nie allein.

Also ging Susanne hinauf in den ersten Stock, ins Schlafzimmer, und fand Heri leblos im Bett liegend. Der Notarzt stellte den Tod fest.

Für Susanne ist die Welt zusammengebrochen. Mit Heri ist sie seit neun Jahren zusammen. Mit ihm wollte sie alt werden. „Jetzt hat er mich allein gelassen.“ Mit einer heftigen Bewegung wischt Susanne Tränen aus dem Gesicht.

Diesen Schmerz, den der Verlust eines geliebten Menschen auslöst, hat Susanne schon einmal gespürt. Fünf Jahre ist es her, als ihr Kind ums Leben kam. Sie war 20, als sie Dominik zur Welt brachte. Seinen Vater hatte sie im Jahr zuvor geheiratet. „Er war meine Kinderjugendliebe“, sagt sie heute. „Als wir uns kennenlernten, war ich zehn und er zwölf.“ Das war in Wien, wo sie mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen ist. „Irgendwann wollten wir ausprobieren zu heiraten. Das war ein Fehler, das haben wir beide eingesehen“, erzählt Susanne. Demnach hielt die Ehe nur ein Jahr. „Aber wir sind beste Freunde geblieben.“

Er wurde ermordet

Der gemeinsame Sohn Dominik wurde nur 19 Jahre alt. Am 16. Jänner 2014 wurde er ermordet. „Als ich den Anruf von seinem Vater bekam, brach ich zusammen“, erinnert sich Susanne. „Dann drehte ich fast durch. Ich wollte nach Wien fahren und Dominiks Mörder umbringen.“ Eine Woche habe sie „durchgeweint und durchgetrunken“. Bier. „Dann rappelte ich mich auf und sagte mir: Das Leben geht weiter.“

Zwei Jahre später schlug das Schicksal erneut zu. Nach einem Verkehrsunfall litt Susanne an einer retrograden Amnesie: „Es ist schon blöd, wenn einem drei Monate seines Lebens fehlen.“ An jenem Tag im Sommer 2016 war sie mit dem Moped von Klaus nach Götzis unterwegs. Heri folgte ihr mit dem Motorrad. „Im Klauserwald wollte ich einem Auto Platz zum Überholen machen und touchierte den Randstein“, schildert sie den Unfallhergang. „Das Moped flog durch die Luft. Von da an weiß ich nichts mehr.“ Von da an war sie auf Heris Erzählungen angewiesen: „Ich wurde zweimal reanimiert. Der Notarzt sagte zu Heri: Das schaut nicht gut aus.“ Von den schweren Kopfverletzungen, Schürfwunden und Prellungen erholte sie sich, aber die Amnesie machte ihr das Leben schwer. „Ich hatte Angst und Panik, weil alles in meinem Kopf weg war. Wenn ich einkaufen gehen wollte, stand ich auf der Straße und wusste nicht mehr, wo ich war.“

Dann kam endlich der Tag, an dem ihr auffiel, „dass ich mir wieder Dinge merkte. Ich saß in der Küche, machte mir einen Kaffee und wusste eine halbe Stunde später noch, dass ich das getan hatte. Ich freute mich riesig.“ Dreieinhalb Monate habe sie gebraucht, bis die Erinnerung vollständig zurückgekehrt war. Und Susanne begann wieder die VN auszutragen. Als Zeitungsausträgerin hat die gelernte Einzelhandelskauffrau insgesamt zwölf Jahre gearbeitet. Davor und danach war bzw. ist sie im Gastgewerbe tätig, zwischendurch jobbte sie in der Transport- und Lebensmittelbranche.

In Vorarlberg lebt sie seit 2000. Sie hatte sich in einen Vorarlberger verliebt – in den Vater ihres Sohnes Sandro, der 2005 zur Welt kam. Sohn Dominik blieb bei seinem Vater in Wien.

Heri begegnete sie erstmals am 18. September 2010. „Das war hier in der ‚Krone‘, wo ich damals angestellt war. Heri arbeitete auf dem Laternser Golfplatz und schaute auf ein Bier vorbei. Seit dem Tag waren wir nie mehr getrennt. Wir haben alles gemeinsam gemacht.“

Das Leben war schön

Im September vergangenen Jahres übernahm Susanne die „Krone“ und zog mit Heri und Sohn Sandro sowie ihrem Hund Buddges und Heris Hund Rudi in den ersten Stock ein. „Wir haben die Jausenstation zusammen in kurzer Zeit aufgebaut und hatten noch so viel vor. Und dann geht der Heri. Einfach so.“ Wieder wischt Susanne energisch Tränen weg. „Es ist genug. Das Leben war schön“, zitiert sie aus der VN-Todesanzeige. „So war er, der Heri. Er fehlt mir brutal.“

Nun muss Susanne wieder aufstehen, sich zusammenreißen und weitermachen. Allerdings weiß sie, dass sie nicht allein ist. Da sind die Freunde, die heute mit ihr um den Tisch sitzen, die sie unterstützen. Unter ihnen Heris Sohn Michael. Und da ist der 13-jährige Sandro, der sie so sehr braucht. „Okay. Ich mache weiter“, sagt die leidgeprüfte Frau mit fester Stimme. „Die ‚Krone‘ hat wieder offen.“

Zur Person

Susanne Walter

Geboren 7. Oktober 1973 in Wien

Ausbildung Einzelhandelskauffrau

Beruf Wirtin

Wohnort Laterns

Familie Mutter von zwei Söhnen, einer ist gestorben.