Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Der Russe (6)

12.06.2019 • 07:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Natürlich wurde der Russe von Gerti über das kleine Unglück seiner Frau informiert. Wie sollte es anders sein. Er war nach Hause gekommen, hatte seine Frau auf dem Sofa liegend vorgefunden, schlafend mit einem Kopfverband. Gerti hatte kein geeignetes Pflaster gefunden und hatte, nachdem sie das Blut gestillt hatte, einen Kopfverband angelegt. Man konnte ja nicht wissen, auch an der Stirn gibt es Adern, die unberechenbar sind und mir nichts dir nichts zu bluten anfangen, wenn eine Verletzung vorliegt. Liv, die abends immer und immer lachte, hätte außerdem eine Gehirnerschütterung haben können. Und man weiß ja, wie gefährlich eine Vernachlässigung in so einem Fall sein kann. Also brach sie ihr Versprechen und informierte den Russen. Einen Strahlenglanz sah sie nicht.

„Der bärtige Russe küsste Liv wach, sie hielten sich umschlungen, und Liv weinte, und der Russe weinte.“

Der bärtige Russe küsste Liv wach, sie hielten sich umschlungen, und Liv weinte, und der Russe weinte. Es war so schön, gemeinsam zu weinen.
„Dann ist die Nachbarin ja eine Gute“, sagte er Russe. „Wir müssen uns erkenntlich zeigen. Heute mache ich süße Wurst. Ich habe die billigen Kekse gekauft.“
„Ich traue der Nachbarin nicht“, sagte Liv. „Sie hat hinter der Stirn ein Misstrauen gegen mich. Dann kam noch ihr Mann mit seiner Fürsorge. Er ist in mich verliebt.“
„Ich werde ihnen zu Ehren ein Festessen kochen“, sagte der Russe. „Erst Kohlsuppe, dann Plov, zum Abschluss Rollkuchen?“
„Nein, keine Kohlsuppe“, sagte Liv. „Kohlsuppe ist ein Essen für arme Leute. Auch wenn sie gut schmeckt. Und deine schmeckt am besten. Aber ich müsste zu deiner Suppe eine Einleitung sprechen. Dass sie nicht als Speise für arme Leute gedacht ist, sondern die beste Kohlsuppe ist. Das wäre zu kompliziert.“
„Keine Suppe“, sagte der Russe mit dem Bart und dem Strahlenglanz. „Denkst du, die mögen Schweinefleisch?“
„Reden wir nach der süßen Wurst weiter“, sagte Liv.
Sie drehte sich zur Seite, und ihr Mann bereitete das Essen zu.
In der Nachbarwohnung saß das Ehepaar immer noch vor der Tapetenwand und lauschte. Nichts war zu hören.
„Es ist noch zu früh“, sagte die Frau, „sie lacht erst am Abend richtig. Lass uns Kaffee trinken. Sie wird schlafen. Sie hat mir erzählt, dass ihr Gehirn einmal so sehr erschüttert war, sie ist dem Tod von der Schaufel gerutscht.“
„Hat sie das so formuliert?“, fragte der Mann.

Da lachten beide auf einmal. Gerti schenkte Kaffee ein, sehr stark, schüttete Schnaps dazu. Sie tranken und warteten.
„Jetzt wäre drüben die Zeit zum Lachen“, sagte der Mann.
„Wahrscheinlich wird sie erst morgen wieder lachen“, sagte Gerti.
„Ja, wahrscheinlich“, sagte ihr Mann.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.