Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Video Life

Vorarlberg / 12.06.2019 • 11:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Schock und klammheimliches Lächeln in Frau Ammanns Gesicht. Zwischen Ibiza und Misstrauen wurden Welten auf den Kopf gestellt. Dabei waren wir doch von 10 Jahren Message Control und Kurz -Harmonie mit Kreide fressenden Rechtsextremen ausgegangen, aber: it‘s a Video Life. Ein paar erbsengroße Kameras schickten das jämmerliche Sittenbild zweier Hampelmänner um die Welt, die damals auf dem Sprung ins österreichische Kanzleramt standen. Kurz war oft genug gewarnt worden, ist aber aus Machtkalkül lieber taub geblieben und hat damit auch den immensen Imageschaden Österreichs mitzuverantworten.

Dummdreiste Vulgarität

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hatte noch kurz vor dem Crash, in einer Rede vor der Industriellenvereinigung, den alten Geist der ÖVP beschworen, dem Spuk ein Ende zu bereiten: „Möchten nicht viele ihrer Entscheidungsträger endlich jene Gestalten, deren dummdreiste Vulgarität Ämter herabwürdigt, die man ihnen nie hätte anvertrauen dürfen, nach Hause schicken und dafür sorgen, dass man die Luft in diesem Land wieder atmen kann?“

„Ich könnte auf der 5th Avenue Leute erschießen,

sie würden mich trotzdem wählen. . .

Wie das Leben so spielt – ein bissel später war die Luft fast frühlingshaft – nur kurz allerdings: Die Reaktion der Strache-Wähler weist umgehend auf den galligen Mief der Altvorderen – und das ist das wirklich Beängstigende. Man grölt im Bierzelt von geliebter Heimat und hält dann in Treue zu einem Lümmel, der diese Heimat an russische Oligarchen verscherbeln würde – von besoffen keine Spur. Für soviel Heimatliebe bekommt man 46.000 Vorzugsstimmen. Die ticken also wie Trumpwähler, sagt Frau Ammann,„ich könnte auf der 5th Avenue Leute erschießen, sie würden mich trotzdem wählen… “
Kehlmann spricht in einem Spiegelinterview von Tribalismus (Identitätsabgrenzung gegen andere Stämme), was sich mit dem Wahlverhalten der österreichischen Bevölkerung deckt, die sich klar rechts der Mitte sieht (60% bei der letzten Wahl), egal was dort passiert! „Waldheimeffekt“, „Mir san mir“, “Jetzt erst recht“.

Ende der Versuchsreihe

Ein Teflonkanzler schält sich da unbeschadet aus dem Sumpf, freut sich auf 38% und wird sich hüten, das Experiment noch einmal zu wagen. Kreisky/Sinowatz waren genauso gescheitert, als sie in den 70ern mit FPÖ-Chef Peter einen SS-Mann in die Regierung ließen. Selbst die Kronenzeitung donnert jetzt: „Ende der Versuchsreihe.“ Also, was nun? Kurzens „Lust auf Koalitionen ist überschaubar“, sagt er in der Hoffnung auf Alleinherrschaft. Neos und Grüne werden den jungen Mann im Herbst wohl über parlamentarische Debatten-Kultur aufklären müssen.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.