Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Alte Grüne, neues Glück

Vorarlberg / 14.06.2019 • 19:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Nach dem Wahlerfolg ist Werner Kogler ganz euphorisch gewesen: Für die Grünen sei viel drinnen, meinte er und bezifferte das Potenzial mit „25 bis 30 Prozent“. Nein, das war nicht nach der EU-Wahl 2019, sondern nach der Bundespräsidentenwahl 2016, die Ex-Parteichef Alexander Van der Bellen mit 53,8 Prozent für sich entschieden hatte. Was seither passiert ist, ist bekannt. Die Grünen mussten sich zwischendurch mit 3,8 Prozent begnügen. Heute sind sie dem erwähnten Potenzial jedoch näher denn je zuvor.

Zumindest theoretisch: So unbestritten die Mitte-Rechts-Mehrheit ist, auf die ÖVP und FPÖ kommen, so dünn ist das Angebot links der Mitte, also auch abseits der Neos: Die Sozialdemokraten taumeln, die Liste von Peter Pilz hängt in den Seilen, stehen eigentlich nur die Grünen einigermaßen.

Das Dumme an einem Potenzial ist jedoch, dass man es erst ausschöpfen muss. Soll heißen: Selbst wenn die Rahmenbedingungen für die Grünen günstig sind, bedeutet das noch nicht, dass sie bei der kommenden Wahl auch ein entsprechendes Ergebnis erreichen werden.

Was passen würde, ist dies: Schwarz-Blau und Sebastian Kurz haben polarisiert. Sie haben sich nicht nur sehr viele Anhänger, sondern auch zahlreiche Gegner geschaffen, deren tragisches Schicksal ein Mangel an wählbaren Alternativen ist.

Bei der EU-Wahl hat sich ein Teil davon für die Grünen entschieden. Ob sie das aber auch am 29. September tun werden? Die Personaldecke der Partei ist so dünn, dass Bundessprecher Werner Kogler wortbrüchig wurde. Bei der EU-Wahl ist er als Spitzenkandidat angetreten und auch zu einem Mandat im Europäischen Parlament gekommen. Er wird es jedoch nicht annehmen, sondern als Spitzenkandidat in den Nationalratswahlkampf wechseln. Grund: Sonst ist da niemand, der über genügend Erfahrung verfügt, sich in dem kurzen Wahlkampf behaupten zu können.

Klimaschutz verloren

Im Unterschied zu den deutschen Grünen, die bei 26 Prozent liegen, muss man bei den österreichischen Grünen überhaupt bezweifeln, dass sie selbst erneuert und gestärkt aus ihrer Krise hervorgehen. Gut, der Oberösterreicher Rudi Anschober hat mit seiner Initiative gegen die Abschiebung von Lehrlingen, deren Asylantrag abgelehnt worden ist, eine Bewegung geschaffen, die über die Parteigrenzen hinausreicht. Aber auch der 58-Jährige verkörpert eine alte, im besten Fall erfahrene Generation der Partei. Am bezeichnendsten ist vielleicht, dass die Grünen die Themenführerschaft über den Klimaschutz verloren haben; ihr Kernanliegen hat die Schülerbewegung um Greta Thunberg viel sichtbarer übernommen.

Vielleicht aber spielt all das ohnehin keine Rolle und die Grünen werden am 29. September von etwas völlig anderem profitieren: Davon nämlich, dass Kurz der einzige Kanzlerkandidat ist und sie den deutlichsten Gegenpol verkörpern. Dann müssen sie sich nur hinstellen und können einiges erreichen; für nicht ganz wenige Leute sind sie dann nämlich automatisch erste Wahl.

„Die Personaldecke der Partei ist so dünn, dass Werner Kogler wortbrüchig wurde.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

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