Bis Bregenz einen Bahnhof bekommt …

14.06.2019 • 19:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es gibt Projekte, an deren Umsetzung man erst glaubt, wenn sie tatsächlich umgesetzt sind. Dazu gehören der Stadttunnel in Feldkirch und der Neubau des Bahnhofs Bregenz. An beiden arbeiten sich Befürworter und Gegner seit Jahrzehnten ab. Während am Tunnel in Feldkirch mittlerweile tatsächlich gearbeitet wird, wurde der neue Bregenzer Bahnhof wieder einmal angekündigt. Schon in den 40ern träumte man in der Landeshauptstadt von einer unterirdischen Bahnstrecke, die aber aus Kostengründen nie kam. Genauso wenig wird es auf absehbare Zeit einen zweigleisigen Bahnausbau zur Schweizer Grenze geben. Dass die Bahn gerade für Projekte in Vorarlberg ihre Zeit braucht, ist eine alte Weisheit. Schon 1906 empörte man sich im Ländle über die langsamen Mühlen der k. k. Staatsbahn. Die damals noch selbständige Gemeinde Rieden hatte um die Errichtung eines WCs an der Wälderbahnstation Vorkloster ersucht. Erst nach 15 Monaten ließ die Bahnbehörde von sich hören und wollte wissen, ob man in Rieden vorhabe, den Abort selbst zu finanzieren.

Während man in Bregenz eine Brücke über die Bahnstrecke errichtet hatte, die kaum benötigt wurde, wurde Rieden auch hier vertröstet, obwohl dort durch Verschiebearbeiten erhebliche Wartezeiten am ebenerdigen Bahnübergang entstanden. In Rieden dürfte man um die Jahrhundertwende nicht allzu gut auf die Bahn zu sprechen gewesen sein, scheiterte man doch mit trauriger Regelmäßigkeit mit seinen Wünschen. Als 1898 der Bahnhof in Bregenz erweitert wurde, bat man im Nachbarort vergeblich um die Verbreiterung der dafür angelegten Verbindungsstraße zwischen Quellenstraße und Mehrerauerstraße. Der Bahnhofsumbau vor 121 Jahren sorgte aber auch in Bregenz für Aufregung. Ein Bürger sprach sich gegen die geplante Kanalisierung des Riedbaches aus, da man ihm damit das Wasser abgrabe. Ein Ehepaar scheiterte mit dem Wunsch nach zwei Bahnübergängen im Abstand von 70 m. Die Stadt Bregenz wiederum hatte genaue Vorstellungen, was die Dekoration des neuen Bahnhofs­areals betraf: Die Stämme der dort gepflanzten Bäume „mit reichlich entwickelter Krone“ müssten mindestens 8 bis 10 cm dick sein. Die Staatsbahn antwortete lapidar, man werde Bäume in der Größe setzen, in der sie „erhältlich sind und bezogen werden können“. Der damals ausgebaute Bahnhof wurde 1989 abgerissen und durch den heute noch vorhandenen optischen Sündenfall Marke ÖBB-Eigenbau ersetzt. Sollte der türkise Nutz- und Trutzbau tatsächlich bald einer ansehnlicheren Nachfolgelösung weichen, hätte er gerade mal ein Drittel der Lebenszeit seines Vorgängers auf dem Buckel. Man soll sich aber nicht zu früh freuen. Wenn die Diskussion wie gehabt weitergeht, muss er vielleicht noch ein paar Jahrzehnte dranhängen.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at