Lehrstunde mit dem Turnschuh-Minister

14.06.2019 • 18:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Joschka Fischer stattete dem BORG Egg einen Besuch ab.

Egg Es ist Freitag, kurz vor 11 Uhr, als ein weißer BMW am Parkplatz des BORG Egg vorfährt. Hinten rechts steigt ein grauhaariger Mann mit Brille aus. Ein kurzer Blick, dann ist klar: Er ist da. Die Schüler, die eben noch die Sonne auf dem Pausenhof genossen haben, machen sich auf in Richtung Aula. Der Direktor und einige Lehrpersonen eilen zur Begrüßung herbei. Es ist Joschka Fischer, von 1998 bis 2005 Vizekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Beige Hose, königsblaues Sakko, hellblaues Hemd, schwarze Slipper. Der 71-Jährige will mit Schülern des Bregenzerwälder Bundesoberstufengymnasiums diskutieren. Nachdem geklärt ist, wie die Veranstaltung ablaufen soll, kann es losgehen.

„Große Umbrüche“

Das Grünen-Urgestein hat an einem Tisch auf dem Podium Platz genommen. Die vorderen drei Reihen sind leer geblieben. Respektabstand sozusagen. Dafür sind die hinteren umso voller. „Ich möchte über die Zukunft sprechen, über eure Zukunft. Wir sind in einer Situation, in der große Umbrüche auf uns zukommen. Wenn man sich die Welt anschaut, dann haben unsere Nationalstaaten alleine keine Chance mehr. Nur wenn die Europäer in der EU zusammenstehen und zusammenhalten, werden wir in Zukunft so leben können, wie wir wollen, und vor allem auch die Dinge selbst entscheiden“, mahnt der „Turnschuh-Minister“ in seinem Eingangsstatement. Zugleich, sagt Fischer, stünden wir vor einer großen Veränderung. Der Veränderung des Weltklimas. „Das Automobil hat Probleme geschaffen, die man vorher nicht bedacht hatte. Ich war 1985 das erste Mal in China, da sind alle noch Fahrrad gefahren, da gab’s kaum Autos. Heute ist es gerade umgekehrt“, schildert der erste grüne Außenminister Deutschlands. Mit großer Sorge erfülle ihn außerdem die Konfrontation, die sich zwischen Iran und den USA aufschaukle. „Wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass diese Veränderungen den Frieden auf der Welt erhalten. Wir leisten uns immer noch die Illusion, ist weit weg, hat mit uns nichts zu tun. Das ist ein großer Irrtum“, unterstreicht Fischer. 

Europa und Nato-Eingriff

Jetzt sind die Schüler an der Reihe. „Wie stark glauben sie, dass Europa in Gefahr ist?“, möchte ein junger Mann wissen. Unter dem Druck von außen habe sich Europa immer bewegt, und der Druck werde gewaltig, verweist Fischer auf Trump, den Brexit und den Aufstieg Chinas. Er sei aber sehr optimistisch, dass die Europäer diese Dinge gelöst bekommen. „Aber es ist kompliziert und es wird kompliziert bleiben.“ Eine andere Schülerin beschäftigt der Nato-Eingriff im Jugoslawienkrieg. Fischer erzählt vom Massaker von Sebrenica und wie schlecht er sich danach gefühlt habe. „Es ist leider so, manchmal muss Gewalttätern mit Gewalt das Handwerk gelegt werden. Hätten wir nicht eingegriffen, wäre das Massakrieren im Kosovo weitergegangen“, meint er. Auch Themen wie die Lage der Grünen und die Weltmachtstellung brennen den Schülern unter den Nägeln. Nach einer knappen Stunde verabschiedet sich der prominente Gast. Weitere Termine warten. vn-ger

„Wir sind in einer Situation, in der große Umbrüche auf uns zukommen.“

Die Schüler des BORG Egg bekamen am Freitag Besuch vom ehemaligen deutschen Vizekanzler und Außenminister. VN/Steurer
Die Schüler des BORG Egg bekamen am Freitag Besuch vom ehemaligen deutschen Vizekanzler und Außenminister. VN/Steurer