Nein, alles soll so bleiben, wie es ist . . .

Vorarlberg / 14.06.2019 • 17:19 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Lothar Zenetti, Priester, hat unter dem Titel „Inkonsequent“ folgenden Text geschrieben:

Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste in der Kirche sei, und sie werden dir antworten: die heilige Messe.

Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste in der Messe sei, und sie werden dir antworten: die Wandlung.

Sag nun diesen hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung sei und sie werden dir antworten: Nein, alles soll so bleiben, wie es ist.

Wandlung

Gewandelt werden, sich verändern: unser ganzes Leben ist dieser Veränderung unterworfen: wir bleiben nicht ewig Baby und Kind; wir bleiben nicht ewig in der Schule; wir bleiben nicht das, was wir sind. Wir verändern uns, sichtbar (zugegeben, manchmal freut uns das nicht). Dazu kommen noch bestimmte Lebenserfahrungen, Vorstellungen, Wünsche. Manches erfüllt sich, manches nicht. Und zudem: bedenken wir, wie wir uns allein aufgrund der technischen Möglichkeiten (Internet, Handy, Smartphone) innerhalb der letzten zwanzig (!) Jahre geändert, verwandelt haben. Leben ist nie etwas Statisches, sondern immer etwas Dynamisches, schreitet voran, geht vorwärts: Ansichten, Einstellungen, Lebensweisen verändern sich. Auch in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kirche. Das spüren wir tagtäglich neu, und nicht immer dienen die verschiedenen Wandlungen wirklich dem Fortschritt der Menschen und der gesamten Menschheit. Der Apostel Paulus ermuntert (1 Thess 5,19):
Alles prüfet, das Gute behaltet!

Wandlungen in der Kirche

Unsere Kirche (ich bin froh, dass sie mich mit meinen Ecken und Kanten auch erträgt und aushält) ist auch einem Wandlungsprozess unterworfen. Als ich vor 33 Jahren die Pfarrgemeinde Hörbranz übernehmen durfte, musste ich davor beim damaligen Bischof Bruno Wechner unterschreiben, dass ich alles tun werde, um eine Pfarrgemeinde nach den Richtlinien des 2.Vatikanischen Konzils aufzubauen. Da steht das „Volk Gottes“ im Mittelpunkt. Dazu gehören nicht nur geweihte Kleriker und Nonnen, sondern Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche. Alle haben aufgrund ihrer Taufe und ihrer Firmung nicht nur das sogenannte „allgemeine Priestertum“, sondern auch Verantwortung für ihre Glaubensgemeinschaft und Kirche am Wohnort. Eine Pfarrgemeinde besteht nicht bloß aus einem Pfarrer, sondern aus vielen Menschen mit ihren Fähigkeiten, gutem Willen, mit ihrer Bereitschaft, ihrer Freude, am Glauben an den zu uns Menschen ja-sagenden Gott Ausdruck zu verleihen. Dieses darf – auch in der Liturgie (in der Feier verschiedener Gottesdienstformen) nicht einzig und allein am Pfarrer hängen bleiben. Deshalb hat auch jeder Pfarrer innerhalb seiner Gemeinde die Aufgabe, die Menschen – aufgrund ihrer verschiedenen Fähigkeiten – zu ermuntern und zu fördern, ohne dabei der Angst zu verfallen, er könnte in seiner Rolle untergehen.

Erfahrungen von Wandlung

Als wir damals im Jahre 1992 (!) hier in Hörbranz mit Wortgottesdiensten begonnen haben, und dies aus einer Notwendigkeit heraus, wurde ich gefragt, ob ich das überhaupt darf. Dazu kam noch, dass diese Wortgottesdienste – man höre und staune – von einer Frau geleitet wurden. Nein, gefragt habe ich nie, sondern einfach getan! Zwar waren damals die Reaktionen von oben nicht gerade ermunternd, aber drei Jahre später wurden – auch wieder aus der Notwendigkeit heraus – Kurse für Wortgottesdienstleiter vonseiten der Diözese angeboten. Dass inzwischen auch Frauen – bei Bedarf – Beerdigungen leiten, ist bei uns hier seit Jahren(!) gang und gäbe. In der Nachbargemeinde Hohenweiler war es auch (seit 1992) so, dass die damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende in Gemeinschaft mit Pfarrkirchenräten und Pfarrgemeinderäten die Pfarre „geleitet“ hat, ohne dass ein Pfarrer vor Ort ist. Auch heute weiß ich Hohenweiler und Möggers in guten Händen und bin ich dankbar und froh, sehen zu dürfen, wie in unserem Pfarrverband viele Dinge einfach laufen – getragen von Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen – aus der Freude an der Ortskirche und an Gott. Und das, ohne dass diese Menschen Theologie studiert hätten, ein Doktorat gemacht hätten, Matura oder Uni-Abschluss hätten. Unsere Freude und unser Leben ist die Freude an Gott und den Menschen – und das bringen wir zum Ausdruck mithilfe unserer Talente und Fähigkeiten, die wir bekommen haben.

Wermutstropfen

sind die stillschweigenden Kirchenaustritte nach dem Motto „Geht mich nichts an“. Zwar schreibe ich in letzter Zeit immer wieder die Ausgetretenen persönlich an, mit der Bitte, sich trotzdem im Pfarrleben einzubringen (da ich persönlich niemanden abschreibe). Aber bis dato hat sich noch niemand auf meinen Bittbrief gemeldet. Austreten? Nein! Auftreten? Ja! Und zudem: das starre System von „Amts“-Kirche, das noch nicht begriffen hat, wie nötig „Wandlung“ ist – auch in Bezug auf Frauenpriestertum, auf verheiratete Männer als Priester; auch in Bezug darauf, dass es Menschen gibt, die in ihrem Leben, in ihrer sexuellen Ausrichtung eben anders sind – ohne dass ihnen gleich Schuld und Sünde an den Rücken geheftet wird und sie mit einem „kirchlichen Kainsmal“ herumlaufen und leben müssen.

Was bleibt

Entscheidend ist das Volk Gottes! Das Zusammenkommen von Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen, die aus eigenem Bedürfnis heraus Sonntag für Sonntag miteinander für das Leben danken, sich wandeln lassen, hin auf die lebensbejahende und froh machende Botschaft Jesu.

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