Großvögel mit Appetit

Vorarlberg / 16.06.2019 • 18:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Unerwünscht: Störche sitzen auf Strommasten. VN/Steurer
Unerwünscht: Störche sitzen auf Strommasten. VN/Steurer

Im Ried fühlen sich Storch und Graureiher wohl. Nicht alle freut das.

Lustenau Während man sich im Rheintaler Ried um die Population von Wiesenbrütern wie Kibitz, Brachvogel oder Wachtelkönig sorgt, geht es den dort ansässigen Großvögeln prächtig. Störche und Graureiher finden in der Naturidylle ideale Lebensbedingungen und ein reichhaltiges Nahrungsangebot vor. Sie fressen dort nicht nur Heuschrecken, andere Insekten, Würmer oder kleine Mäuse, sie verschmähen sogar Kleinhasen nicht.

Das Storchenprojekt

Vor 20 Jahren startete im Rheintal das Storchenprojekt. Die Vögel waren damals verschwunden, man wollte sie wieder hier haben. Jetzt sind sie im Ried zu einem beliebten und ausgiebig vorhandenen Blickfang geworden. Während die Väter des Storchenprojekts diese Entwicklung mit Freude und Gelassenheit beobachten, tun andere Riedkenner das nicht. „Der Bestand ist nicht zu hoch“, sagen die einen. „Es sind zu viele“, behaupten die anderen. Sie verweisen auch auf den Graureiher, der sich als Großvogel neben dem Storch etabliert hat. Tatsache ist: Beide Vögel haben großen Hunger und brauchen viel Futter.

„Es haben heuer einige Jungstörche die kalten Regentage nicht überlebt“, berichtet Walter Niederer, seines Zeichens Mitbegründer des Storchenprojekts und Geschäftsführer des Naturschutzvereins Rheindelta. Wieder einmal haben er und seine Helfer die Jungstörche in ihren Nestern aufgesucht und ihnen Ringe an den Füßen angebracht. Damit können sie die Flugwege der Tiere verfolgen und Rückschlüsse auf ihr Siedlungsverhalten ziehen. „Im vergangenen Jahr konnten wir 60 Jungstörche beringen, heuer waren es lediglich 20.“ Das heißt: Es haben einige der Vögel die Starkregentage nicht überlebt. Die Jungstörche stellen sich tot, wenn sie von Vertretern des Storchenprojekts einen Ring am Fuß verpasst bekommen.

Im heurigen Jahr sind in Vorarlberg 48 Brutpaare gemeldet worden. Der Bruterfolg war laut Niederer eher gering.

Gefährdet ist der Storch dennoch nicht. Der Gesamtbestand dürfte weiter wachsen, sagt der Experte. Viele Störche ziehen im Winter nicht mehr in den Süden. Im Ried lassen sie sich auch an Orten nieder, wo sie unerwünscht sind. Zum Beispiel auf Strommasten. Wie sich die Situation und der Bestand weiter entwickeln, wolle man genau beobachten, betont Niederer. Die Tiere fänden im Rheintal auch dank der Mülldeponie Loacker ein ausreichendes Futterangebot vor. Hinweise darauf, dass sie anderen Vögeln, vor allem den Wiesenbrütern, schaden, gebe es nicht, versichert Niederer.

Keine natürlichen Feinde

Reinhard Hellmair, Gebietsaufseher im Auer Ried, sieht die wachsende Storchenpopulation skeptisch. „Es sind zu viele geworden“, steht für ihn fest. „Sie haben keine natürlichen Feinde und brauchen viel Futter. Vor zehn Jahren waren im Ried noch zehn Brutpaare, vergangenes Jahr zählten wir 75.“ Hellmair sieht in der Vogelstrategie im Ried einen Widerspruch. „Wir wollen die Wiesenbrüter genauso schützen wie jene Vögel, die sie von oben aus beobachten und gefährden.“ Hellmair bewertet das Verhalten vieler hier lebender Störche als unnatürlich. „Im Burgenland freut man sich, wenn im April der erste Storch aus dem Süden zurückkehrt. Bei uns habe ich heuer am 9. Februar die erste Paarung eines Storchenpaares beobachten können.“

Auch Graureiher sind im Ried massiv vorhanden. „Von denen gibt noch mehr als von den Störchen. Und dass die ebenfalls nicht nur kleine Würmer fressen, ist bekannt“, weiß der Gebietsaufseher. VN-HK