Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Radio mit Klebeband

Vorarlberg / 18.06.2019 • 17:59 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

„Das ist noch gut!“ Der Wunsch nach einem neuen Radio zerbrach an der elterlichen Ratio. Klar, der Klebstreifen arretierte die Batterien tatsächlich an ihrem Platz. Aber wie sah das aus? Wie gestopfte Strümpfe! Und der Wunsch nach neuen Socken pochte niemals so in den Schläfen wie die Sehnsucht nach dem neuen Radio. 1977 hatte so ein Ding noch ein 1a-Kassettendeck. Das wissen heute nur mehr angegraute Existenzen zu würdigen.

Die trifft man neuerdings in Reparaturcafés. Sie nehmen Beschädigtes entgegen und machen es wieder heil. Wie Kinder, die ihre Puppen zum Puppendoktor bringen, stehen die Kunden Schlange, während sich so ein ergrauter Haarschopf über das wunde Innenleben eines Staubsaugers beugt. Wenn er dann wieder faucht, werfen sie einander Blicke zu, als hätte der kranke Liebling aus dem Fressnapf schnabuliert.

Reparieren wird Mode. Früher war das verpönt, ganz früher völlig normal. Wir kehren also zurück. Aber mit neuer Motivation. Denn reparieren ist auch ökologisch sinnvoll. Jede Schraube ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. Es ist außerdem ein Beweis dafür, dass der Mensch Beziehung pflegt zu den Dingen. Das ist alt. So alt, dass Rainer Maria Rilke es um 1900 gedichtet hat. Der hörte die Dinge gerne „singen“. So wie ein Radio mit Klebeband.

Thomas Matt
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