VN-Sommergespräch: „Der tote Schulversuch hat noch keine Nachfolge“

24.06.2019 • 18:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Sabine Scheffknecht im VN-Sommergespräch: “ Die Politik hinkt massiv hinterher. Wir schaffen es nicht, unsere Kinder gut genug auf das veränderte Leben vorzubereiten.“ VN/STEURER

Neos-Chefin Scheffknecht über Bildung, S18 undFrauen in der Politik.

Die Neos gehen mit Sabine Scheffknecht in ihre zweite Landtagswahl. Zum Start der VN-Sommergespräche mit den Vorarlberger Parteichefs skizziert sie ihre Wahlkampfthemen. Ein Gespräch über Bildung, Lehrer und S18 versus Klimaschutz.

Frau Scheffknecht, was fehlt Vorarlberg?

Vorarlberg fehlt die große Vision, wie das Land in 20 oder 50 Jahren aussehen soll. In der Technologie wird sich zum Beispiel viel tun, doch momentan spüre ich eher Zurückhaltung, fast Angst, mutige Entscheidungen zu treffen.

In allen Bereichen?

Speziell in der Politik, auch in der Bildung. Die Wirtschaft ist weiter und sieht, wie sich ihre Branche verändert. Die Politik hinkt massiv hinterher. Wir schaffen es nicht, unsere Kinder gut genug auf das veränderte Leben vorzubereiten.

Was soll die Politik in Vorarlberg dagegen tun?

Die Politik muss zuerst definieren, wohin wir wollen. Da sind wir schon einen Schritt weiter, wir wollen ja das chancenreichste Land für Kinder werden. Ich halte diese Vision für sinnvoll. Aber die Politik ist noch nicht bereit, das zu tun, um dahin zu kommen. Dieser Vision müssen Maßnahmen untergeordnet werden. Daran mangelt es.

Welche Maßnahmen?

Es braucht die Besten der Besten für unsere Kleinsten. Schon in den Kindergärten, Spielgruppen, Volksschulen. Ich würde ganz unten ansetzen, da haben wir ein Qualitätsthema.

Woher weiß ich, wer die Besten sind?

Im Extremfall erst, wenn sie unterrichten. Darum ist es wesentlich, das System so zu ändern, dass man Lehrer kündigen kann. Es sind vielleicht drei bis fünf Prozent der Lehrer, die fehl am Platz sind. Qualität fängt bei der Ausbildung an. Wir brauchen mehr Fächer an der Pädagogischen Hochschule, brauchen Quereinsteiger mit pädagogischer Nachschulung, mehr Modelle wie „Teach for Austria“. Wir haben viele gute Lehrer, die so demotiviert sind wie noch nie. Sie haben lange für eine Modellregion gekämpft und sie als großes Ziel gesehen. Derzeit fehlt jegliches Ziel. Der tote Schulversuch hat noch keine Nachfolge gefunden.

Für diese Themen ist nicht immer das Land zuständig.

Diese Ausreden sagt man gerne. Wenn ich als Land definiere, dass ich chancenreichstes Land für Kinder werden möchte, muss ich alles dafür tun.

Welches Thema wird im Wahlkampf für die Neos noch eine Rolle spielen?

Es geht immer um die Chancen der Jungen. Als Stimme der Jungen den Klimaschutz zu vernachlässigen, wäre fatal. Das ist neben der Bildung das große Zukunftsthema. Deshalb fordern wir zum Beispiel eine CO2-Steuer.

Welches Zeugnis stellen Sie der Verkehrspolitik aus?

Wir werden im Wahlkampf wohl die gleichen Themen diskutieren wie vor fünf Jahren. Die Riedstraße, die Tunnelspinne, FL-A-CH, den zweigleisigen Ausbau nach Deutschland …

Wird die S18-Nachfolgestraße jemals Realität?

Es muss eine Straßenverkehrslösung geben. Aber wenn man über die Zukunft nachdenkt, müsste man auch über Spuren für selbstfahrende Autos nachdenken, wie in der Schweiz. Darüber wird im Land überhaupt nicht diskutiert. Auch nicht darüber, was es braucht, wenn das Rheintal weiter zusammenwächst. Eine Straßenbahn? Eine Hochseilbahn?

Ist die S18 mit Klimaschutz kompatibel?

Es braucht Lösungen für die Menschen. Wenn man sich die Situation in Lustenau, Dornbirn, Hard oder jeder anderen Ecke des Landes ansieht, braucht es sie rasch, nicht in 25 Jahren.

Klimaschutz und S18 schließen sich nicht aus?

Es ist immer die Frage: Wo gibt es mehr Straßen und wo weniger? Die Planung muss parallel stattfinden. Ich komme aus Lustenau und tu mir ganz schwer zu sagen, es braucht die Straße nicht. Es braucht die Verbindung der beiden Autobahnen ganz dringend. Aus der Logik heraus dort, wo sie am nächsten beieinander liegen.

Eine neue Variantendiskussion?

Ohne die alte aufzuschnüren. Momentan fehlt der Plan B. Wir wissen nicht, was bei den Probebohrungen herrauskommt. Eine kleine Verbindung wie beim Bruggerloch könnte man zudem rasch umsetzen, sie ist eh ein Teil der Z-Variante.

SPÖ-Chefin Rendi-Wagner meinte kürzlich, dass Frauen in der Politik kritischer gesehen werden. Teilen Sie diesen Befund?

Diese Diskussion führen wir bei Neos nicht. Bei uns geht es darum, welche Kompetenzen wir zu welchem Zeitpunkt brauchen. Und wir haben viele Frauen in Führungspositionen.

Und außerhalb der Neos?

Es sind Dinge im Alltag, die mich als Frau bewegen. Da geht es um Kinderbetreuung und Ganztagsklassen. Es mangelt an den Rahmenbedingen, die es Frauen und Männern ermöglichen, Berufsleben und Familie unter einen Hut zu bringen. Im Bregenzerwald höre ich von Frauen, die mit dem Bürgermeister diskutieren müssen, ob es eine Sommerbetreuung braucht. Das sehe ich kritisch. Nicht, ob Frauen oder Männer kritischer gesehen werden.

Im Landtag kommt es öfters zu hitzigen Debatten über Aussagen gegenüber Politikerinnen.

Es kommt leider auch im Landtag zu persönlichen Untergriffen. Die gibt es auch gegenüber Männern, Christof Bitschi hat zum Beispiel schon das ein oder andere vom Herrn Landeshauptmann einstecken müssen. Frauen mögen das nicht oder zumindest weniger. Sie überlegen sich vielleicht eher als Männer, ob sie sich das antun.

Im Frühjahr 2020 wird in den Gemeinden gewählt. 2015 traten die Neos in vier Gemeinden an. Werden es diesmal mehr?

Das werden wir mindestens verdoppeln. In Ortschaften mit Einheitslisten werden wir aber nicht separat antreten. Ich halte sie nämlich für eine sinnvolle Sache. Dort werden wir höchstens jemanden für die Liste nominieren.

Wordrap

Nach welchem Motto leben Sie?

Mutig vorwärts

Wovor haben Sie Angst?

Vor einem Rechtsruck in de Gesellschaft

Mit wem würden Sie gerne einen Abend verbringen?

Öfters mit meinem Mann

Bügeln Sie Ihre Kleidung selbst?

Nein. Aber auch mein Mann nicht

Was haben Sie zuletzt gekocht?

Ein Brot gebacken, das mache ich gerne

Welcher Song rettet Sie aus einer Krise?

What a wonderful World

Was inspiriert Sie?

Inspirierende Menschen

Was glauben Sie, was Ihre Wähler über Sie sagen?

Sie meint, was sie sagt

Welches Argument können Sie nicht mehr hören?

Das geht nicht