PH-Professor Andreas Schumann erhofft sich von der Buch am Bach eine Sensibilisierung für Literatur

Vorarlberg / 24.06.2019 • 07:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Andreas Schumann, Professor für Literaturwissenschaft und -didaktik an der PH Vorarlberg.

Professor Andreas Schumann  (56) möchte mit Büchern für junge Menschen Welten öffnen. Seine Studenten haben eigens für die Buch am Bach einen Workshop, eine Schnitzeljagd und eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche erarbeitet.

Feldkirch Literatur ist zu wenig Bestandteil der Allgemeinbildung. Die IG Autoren hat deshalb eine Leseliste mit 200 Titeln ausgearbeitet, von Grimms Märchen bis Houellebecq. Sie soll den Anstoß  dazu geben, sich im Unterricht mehr mit Literatur zu beschäftigen. Doch welchen Stellenwert haben Bücher tatsächlich im Lehrplan der österreichischen Pflichtschulen? Darüber haben die VN mit Andreas Schumann, Hochschulprofessor für Literaturwissenschaft und –didaktik an der Pädagogischen Hochschule Feldkirch, gesprochen.

Herr Professor Schumann, die PISA-Studie, die erstmals 2000 durchgeführt wurde, bescheinigte den Schülern eine ziemliche Leseschwäche. Daran hat sich bis zur letzten Studie 2016 nichts geändert. Nach wie vor können 23 Prozent der 15- und 16-Jährigen nicht sinnerfassend lesen. Sollte Büchern im Lehrplan bzw. im Unterricht an österreichischen Pflichtschulen ein größerer Wert beigemessen werden?

Ich könnte jetzt einfach mit einem klaren Ja antworten, doch so einfach ist die Sache nicht. In der Nachfolge der PISA-Ergebnisse seit 2000 hat sich der Deutschunterricht sehr verändert, der Schwerpunkt liegt mittlerweile auf der Vermittlung von Sprach- und Lesekompetenzen, vor allem im Umgang mit Sachtexten. Literatur, und damit das Buch, spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle, bestenfalls stehen noch Kompetenzen in der Mediennutzung im Fokus.

Die Studierenden haben sich für die Buch am Bach einen Workshop, eine Schnitzeljagd und eine Schreibwerkstatt einfallen lassen. Fotos: Hofer
Die Studierenden haben sich für die Buch am Bach einen Workshop, eine Schnitzeljagd und eine Schreibwerkstatt einfallen lassen. Fotos: Hofer

Ist das vernünftig?

Das ist einerseits vernünftig und nachvollziehbar, wenn man der Schule die Hauptaufgabe von Leistungs- und Outputorientierung mit Hinblick auf zukünftige Erwerbsbiografien zuschreibt. Doch das ist zu kurz gedacht und nicht nachhaltig. Das Entdecken neuer und individuell auszugestaltender Erlebniswelten durch Lesen, Literatur und Bücher wird verhindert.

Wie beeinflusst das das künftige Leben der Schüler?

Wir wissen ja nicht, in welchen Welten unsere Jugendlichen später landen werden. Erzählungen schaffen alternative Sichtweisen, befördern Denken und Analyse. Literatur zeigt im besten Falle immer eine andere Welt, an der man mit Fantasie und Miterleben sein eigenes Weltbild entwickeln kann, und damit ist kritische Teilnahme an der Welt eher möglich als bei einfachen Entscheidungen über richtig oder falsch des Gelernten.

Wie können Kinder- und Jugendbücher in den Unterricht integriert werden?

Indem aus dem breiten Angebot eine Auswahl getroffen wird, die auf spezifische und momentane Bedürfnisse der Schüler reagiert oder brisante aktuelle Themen aufgreift. Da sind altersspezifische Leseangebote meist sinnvoller als der Nachvollzug eines tradierten Kanons. Wenn es denn gelingen kann, Lesen zu einem Teil des Alltags zu machen – zur Freude, zur Information, zum Genuss, zur Fantasie und Selbstfindung – haben wir doch schon gewonnen. Das Buch um des Buches willen mag dann jeder für sich selbst entdecken.

Welche Rollen spielen Schulbibliotheken?

Eine extrem wichtige. Punkt. Gebt mehr Geld!

Welche Chancen bringt die derzeit laufende Zusammenarbeit mit der VN-Kinder- und Jugendbuchmesse Buch am Bach?

Sie ermöglicht den Studierenden im aktuell sechsten Semester eigene didaktische Projekte im Bereich der Literaturvermittlung zu entwerfen, zu planen und durchzuführen, ein erstes Fazit über das bisher Gelernte zu ziehen und auszuprobieren, was noch weiterhin machbar und wünschenswert wäre. Sie haben volle Freiheit in ihren Projekten und ich erhoffe mir eine zusätzliche Sensibilisierung für das Thema der Kinder- und Jugendliteratur.

Welche Bedeutung hat das Lesen für Sie?

Tauschen Sie nur einen Buchstaben aus, und wir kommen dem Leben schon sehr nahe. CRO

Beim Workshop, bei der Schnitzeljagd oder bei der Schreibwerkstatt der Studierenden der PH Vorarlberg können interessierte Schulklassen und Einzelpersonen am Donnerstagvormittag mitmachen. Weiters laden über 150 Lesungen und Workshops zum Mitmachen ein. Einige Plätze sind noch frei. Infos zum Programm unter der Website www.vn.at/buchambach.  Anmeldungen sind online über die Website oder gleich direkt vor Ort möglich.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Schumann

geb. 1962

Ausbildung: Studium der Germanistik und Romanistik in München, 1987 Staatsexamen Lehramt Gymnasien, Magister Artium, Promotionsstipendium, 1990 Promotion zum Dr. phil., Postdoktorandenstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1998 Habilitation, 2005 Ernennung zum apl. Professor

Beruf: Hochschulprofessor für Literaturwissenschaft und –didaktik an der PH Vorarlberg

Lieblingslektüre: Alles, was mich nicht langweilt

Lesemotto: Ein Motto brauche ich nicht, da Lesen eine Körperfunktion wie Atmen oder Verdauen ist