Harald Walser

Kommentar

Harald Walser

Stunde der Heuchler?

Vorarlberg / 24.06.2019 • 08:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Sektenspektakel letzte Woche in der Wiener Stadthalle vor 10.000 verzückten „Erweckten“, die jubelnd beide Hände in die Höhe halten: „Vater, wir danken dir für diesen Mann.“ Der Mann war Österreichs Altkanzler Sebastian Kurz.
Betretenes Schweigen auf der einen und hämisches Gelächter auf der anderen Seite. In den diversen Internetforen zitierten einige aus dem Matthäus-Evangelium: „Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler.“ Eine Frage ließ viele ratlos zurück: Wohin driftet die ÖVP?

Kurz ein Privatmann?

In Österreich ist Religion (noch) Privatsache. Da Sebastian Kurz sein Nationalratsmandat abgelehnt und derzeit kein öffentliches Amt innehat, könnte man seinen Auftritt bei diesem fundamentalistischen Event auch als seine private Sache abtun (und die jener Partei, der er vorsteht).

Rechte Fundamentalisten versuchen

schon länger, in der ÖVP Fuß zu fassen.“

Dem ist aber nicht so. Angenommen hat er die Einladung vor einem halben Jahr als Bundeskanzler. Und als Meister der „Message-Controll“, der bislang nichts dem Zufall überließ, wusste er natürlich, bei wem er da auftritt: Der Prediger ist ein rechtsextremer ehemaliger Drogendealer, der in einem Nachtklub Jesus begegnet sein will. Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der NSDAP hatte er Visionen „europäischer Gesichter“: „Norweger mit blonden Haaren und blauen Augen – Spanier, Deutsche.“ „Gott“, so verkündete er, wolle von ihm, dass er „Europa zurückhole“. Sebastian Kurz kommt ihm da als Unterstützer gerade recht.

Rechte Fundis in der ÖVP

Rechte Fundamentalisten versuchen schon länger, in der ÖVP Fuß zu fassen. So war es natürlich kein Zufall, dass im Schlepptau von Kurz mit der Nationalratsabgeordneten Gudrun Kugler eine zentrale Figur dieser Szene bei dem Spektakel in der Stadthalle mit dabei war. Die katholische Fundamentalistin will schon mal Homosexuelle therapieren und schwafelte von einem „Bürgerkrieg gegen ungeborene Kinder“ in Österreich.

Dass auch Kardinal Christoph Schönborn kein Problem damit zu haben schien, sich mit diesem Herrn auf der Bühne vor 10.000 Menschen als Teil einer sektengleichen Show inszenieren zu lassen, verstörte zusätzlich. Während Kurz auch im Nachhinein kein kritisches Wort fand, scheint man in der Diözese Wien doch Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Kardinal-Besuchs bekommen zu haben: Die Sicht der Veranstalter, man müsse Europa vom Islam zurückerobern, teile man nicht.
Noch klarere Worte fand Caritas-Direktor Michael Landau. Es ist wohl kein Zufall, dass auch er das Matthäus-Evangelium zitierte: „Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu.“ Und Landau fügte bissig an: „Von Stadthalle steht da nichts.“

Dass man den Armen nicht gleichzeitig die Butter vom Brot kürzen soll, würde Matthäus vielleicht heutzutage noch anfügen.

Harald Walser
harald.walser@vn.at
Harald Walser ist Historiker, ­ehemaliger Abgeordneter zum ­Nationalrat und AHS-Direktor.