Erneut Widerstand von Lehrern und Eltern gegen Zwang zur Ziffernnote in Volksschulen

Vorarlberg / 25.06.2019 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aufpassen in der Schule sollten die Kinder unabhängig vom Beurteilungssystem. Viele Volksschullehrer kämpfen für die alternative Leistungsbeurteilung. VN/PAULITSCH

Viele Volksschullehrer und der Landeselternverband appellieren an die Regierung, das Gesetz rückgängig zu machen.

Bregenz 800 der insgesamt rund 2000 Vorarlberger Volksschullehrer haben sich im vergangenen Herbst mittels Unterschriftenaktion gegen den Zwang zur Ziffernnote ab dem Schlusszeugnis der zweiten Klasse gewandt. Vergeblich. Ein diesbezügliches Gesetz wurde von der türkis-blauen Regierung kurz darauf beschlossen. Deshalb werden 130 von 175 Vorarlberger Volksschulen mit Ende dieses Schuljahres ein letztes Mal ihre Schüler alternativ beurteilen. Das heißt, statt einer Ziffernnote von eins bis fünf nehmen sie eine Beurteilung in verbaler Form vor und beschreiben darin das Leistungsvermögen ihrer Zöglinge. Eine Ziffernnote ist derzeit noch erst im Abschlusszeugnis der vierten Klasse verpflichtend.

Wahlfreiheit gefordert

Mit dem neuen Schuljahr ändert sich das. Eine rein alternative Beurteilung ist mit Zustimmung der Schul- und Klassengemeinschaft nur noch bis zum Ende der zweiten Klasse möglich, danach ist die Ziffernnote gesetzlich verpflichtend.

Dagegen hat sich in Vorarlberg erneut Widerstand formiert. „Es begann mit einer Besprechung von Kolleginnen und Kollegen in der Volksschule Lustenau-Kirchdorf im Herbst des vergangenen Jahres. Dort wurde das Thema sehr emotional diskutiert. Die Kollegen sprachen sich mehrheitlich für die Wahlfreiheit an den Schulen aus. Das heißt: Eltern und Lehrer bestimmen klassenweise, welche Art der Beurteilung sie wollen. Man sollte das aber niemandem vom Ministerium aus vorschreiben“, berichtet Lehrervertreter Willi Witzemann (59).

Neue Hoffnung

Ein Netzwerktreffen in Altach mit Direktorinnen und Direktoren sowie den höchsten Vertretern der Bildungsdirektion sowie Lehrervertretern folgte. Und auch da war man sich einig: Die Schulen sollten selber entscheiden dürfen, was sie wollen. Allein es nützte nichts. Das Gesetz wurde beschlossen, weder vom Bildungsministerium noch vom Landeshauptmann bekamen die Lehrervertreter Antwort auf ihr Schreiben mit den entsprechenden Appellen.

Nach der Auflösung der Regierung schöpfen Lehrer und Eltern wieder neue Hoffnung. Briefe an das Ministerium, die Vorarlberger Nationalratsabgeordneten und den Landeshauptmann wurden nun immerhin vom Ministerium, Markus Wallner und dem SPÖ-Nationalrat Reinhold Einwallner beantwortet. Der Landeshauptmann signalisierte plötzlich Verständnis und lobte den Einsatz der Lehrer in ihren Anstrengungen für eine qualifizierte Beurteilung. Das Ministerium stellte in seiner Antwort an die Elternvertretung klar, dass die derzeitige Regierung keine Gesetzesänderung vornehmen werde. „Etwaige Rücknahmen von im Dezember 2018 beschlossenen Regelungen bleiben der nächsten Bundesregierung vorbehalten.“

Sieber für Status quo

Während SPÖ-Nationalrat Reinhold Einwallner den Briefschreibern schriftlich seine Unterstützung zusicherte, lässt ÖVP-Mandatar Norbert Sieber die Vorarlberger Lehrer und Eltern auflaufen. Er beantwortete ihren Brief nicht. Auf VN-Anfrage teilte er mit: „Es ist nicht angedacht den Status quo zu verändern. Ich persönlich befürworte die Ziffernnote in den Volksschulen.“

Der Vorarlberger Elternvertreter Michael Tagger appelliert indes an das Bekenntnis zur Schulautonomie. „Der Elternverband steht nicht nur zur Entscheidungsfreiheit der Schulen in dieser Frage, wir begrüßen auch die alternative Leistungsbeurteilung. Diese ist besser als eine reine Ziffernbewertung.“

Schlupfloch

Die Entscheidungsfreiheit der Schulen im Sinne einer echten Autonomie fordert auch Lehrervertreter Witzemann vehementer denn je. „Es sollen doch die Lehrer und Eltern an jeder Volksschule oder in jeder Klasse bestimmen dürfen, wie ihre Kinder beurteilt werden“, wird er nicht müde zu betonen. „Das hat doch bis jetzt bestens funktioniert.“

„Es sollen Schulen und Klassen selber die Art der Leistungsbeurteilung bestimmen.“

Willi Witzemann, Lehrervertreter

Um die alternative Beurteilung im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen doch noch zu retten, haben sich die Lehrer etwas einfallen lassen. „Die Schüler erhalten wie bisher lediglich eine alternative Beurteilung, das Zeugnis mit den Ziffernnoten wird nur den Eltern ausgehändigt – so sie das wünschen“, erklärt Witzemann das gesetzlich gedeckte Schlupfloch. Was viele Pädagogen und Eltern dennoch nicht vom Wunsch befreit, das ungeliebte Gesetz so schnell wie möglich loszuwerden.