Wo geht’s hier zur Muchbesse?

Vorarlberg / 26.06.2019 • 04:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
4000 Bücher sind auf acht Themeninseln verteilt und laden auf der VN-Kinder- und Jugendbuchmesse zum Schmökern ein. VN/STIPLOVSEK

1200 Lesefans fanden den Weg zur achten VN-Kinder- und Jugendbuchmesse Buch am Bach.

Götzis Hexenzauber, Geheimsprachen und königliche Unterhosen lockten zum Auftakt 1200 Lesefans nach Götzis zur achten VN-Kinder- und Jugendbuchmesse Buch am Bach. Ob aus Thüringerberg oder Hohenweiler, Dornbirn oder Bludenz, insgesamt nutzten 45 Schulen die letzten Schultage vor den großen Ferien aus und tauchten in die spannende Lesewelt in Vorarlbergs größter Buchhandlung ein.

4000 Bücher

Mehr Auswahl an Lesefutter für die Sommerferien gibt es sonst nirgends im Ländle. Rund 4000 Bücher, die verteilt auf acht Themeninsel zum Schmökern einladen. haben die neun anwesenden Buchhändler mitgebracht. Man kann auch einfach auf eines der gemütlichen Sofas flacken und sich von Bücherguides Geschichten wie „Befreiungsschlag“, „Mein Leben voller Feinstaubkonfetti“ oder „Die große Einhornparty“ erzählen lassen.

Besonders viel Spaß machte den Bücherfreunden das persönliche Kennenlernen von Autoren wie Susa Hämmerle, Irmgard Kramer, Ulrike Motschiunig, Carolin Philipps, Helmut Giesinger oder Henriette Wich. Sie brachten nicht nur ihre Bücher mit, sondern jede Menge Rätselspaß, Handpuppen und Totenketten, oder sie reimten Zaubersprüche und weihten in das Geheimnis von Geheimsprachen ein. Kein Wunder, dass auch die Buchmesse plötzlich Kopf stand und in eine Muchbesse verwandelt wurde.

Nackte Fußsohlen

Auch Anne Klinge verdreht heute die Welt, indem sie mit ihren Füßen Theater spielt. Dabei leisten ihre Sohlen ganze Stücke und im Handumdrehen verwandeln sich nackte Fußsohlen in skurrile Typen. Wer dabei auf den Geschmack gekommen ist, kann sich im Theaterworkshop selbst auf die Bretter wagen, die die Welt bedeuten, oder im Vereinshaussaal mit Ingrid Hofer in gewohnter Manier den Teddy Eddy tanzen lassen. Lust bekommen? Heute und auch morgen noch gibt es auf der Buch am Bach bei freiem Eintritt viel zu entdecken. Die Anreise ist ebenfalls kostenfrei, weitere Infos auf www.vn.at/buchambach. Wer also noch selbst durch die große Bücherwelt in der Kulturbühne schmökern möchte, hat ab 9 Uhr die Möglichkeit dazu. Und immer gut die Augen offen lassen: Es gibt nämlich tolle Bücher zu gewinnen.

Dr. Günther Loewit hielt den ersten Abendvortrag auf der Buch am Bach.
Dr. Günther Loewit hielt den ersten Abendvortrag auf der Buch am Bach.

Von Bäumen fallen ist gesund

Mit Mediziner und Bestsellerautor Günther Loewit startete am Abend die begleitende Vortragsreihe zur Buch am Bach. „Wir schaffen die Kindheit ab“ lautet der Titel des Buches, in dem der 61-Jährige provokant fordert: „Lassen Sie Ihre Kinder von Bäumen fallen!“ Das tut er auch vor 120 Zuhören auf der vollbesetzten Kulturbühne Ambach. Seine These, warum die Kinder erst gar nicht mehr hinauf klettern, liegt im Rückgang der Geburtenraten. Auf eine Frau kommen in Österreich laut Statistik 1,4 Kinder. Das macht den Nachwuchs zu etwas ganz Besonderem, zu einer Kostbarkeit. Kostbarkeiten aber werden bekanntlich in Watte gepackt oder – ein Blick auf die Straße geworfen, die Warnweste übergestreift und den Fahrradhelm aufgesetzt. Daran sei zwar nichts verwerflich, aber damit höre das Ringen um Sicherheit längst nicht auf. Es handle sich überhaupt um ein gesellschaftliches Phänomen, auf alles sofort mit überdimensionalen Schutzmaßnahmen, Sicherheitshinweisen und Verboten zu reagieren. Dabei ginge etwas ganz Wertvolles verloren.

Hausverstand einkaufen

Damit meint Loewit den Spielraum, anders gesagt, der Raum zum Spielen und Ausprobieren. „Hinfallen, wieder aufstehen, von vorne beginne, wieder hinfallen, gehören zum Kindsein dazu.“ Nur so kann auch Lebenskompetenz erworben werden. Fehlen diese Möglichkeiten, lernen die Kinder beispielsweise nicht, mit Frust umzugehen,  erwerben keine Frustrationstoleranz. Nur ja kein Risiko einzugehen, hat hingegen oberste Priorität. Loewit fordert deshalb einen Sinneswandel in der Gesellschaft. Scharfsichtig und provokant legt er seinen Finger auf die Wunden unserer Zeit. Er zeigt auf, wie wir zwischen Perfektionismus und Vernachlässigung die gesunde Mitte im Umgang mit den Kindern verloren haben. Oder wie er es ausdrückt: „Wir müssen zu Billa gehen und wieder den Hausverstand einkaufen.“ Was gestern Abend vorweg schon über den Ladentisch ging, ist sein Buch und der Wille zu Veränderung. CRO