Begrenzter Egoismus darf sein

30.06.2019 • 17:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
VN-Chefredakteur Gerold Riedmann hatte sich eine ebenso illustre wie schlagfertige Expertenrunde aufs Podium im vollbesetzten Wirtschaftszelt geholt. 
VN-Chefredakteur Gerold Riedmann hatte sich eine ebenso illustre wie schlagfertige Expertenrunde aufs Podium im vollbesetzten Wirtschaftszelt geholt. 

Podiumsdiskussion mit Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft.

schwarzach Grundwerte: ein Begriff, der für Tugenden steht, die den Kitt für gesellschaftliche und politische Bewegungen bilden. Grundwerte gelten als Leitschienen, die Stabilität und Orientierung geben, aber nie statisch sind. Auch Russmedia und da vor allem die Vorarlberger Nachrichten haben sich solche Grundwerte auf die Fahnen geheftet und leben sie, beispielsweise in der Unterstützung von Initiativen, die dem Land dienlich sein können. Im Rahmen eines Podiumsgesprächs, das Chefredakteur Gerold Riedmann im Rahmen der 100-Jahr-Feier mit Protagonisten aus den verschiedensten Bereichen führte, kam deutlich zum Ausdruck, was damals zählte und künftig zählen wird. Rede und Antwort standen Landesbischof Benno Elbs, Umweltaktivistin Hildegard Breiner, Alt-Landeshauptmann Herbert Sausgruber, Historiker Meinrad Pichler, Guntram Drexel (Spar AG) sowie Eugen B. Russ (Russmedia International). Was es insgesamt braucht, brachte Sausgruber, ein deklarierter Anhänger des Förderalismus, in gewohnt trockener Art und Weise auf den Punkt, indem er klarstellte: „Ein begrenzter Egoismus ist moralisch zu rechtfertigen.“

Mythos Vorarlberg

Damit kam Vorarlberg schon in der Vergangenheit relativ weit. So erinnerte beispielsweise Historiker Meinrad Pichler an den Aufstand in Fußach gegen die Taufe eines Bodenseeschiffes auf den Namen „Karl Renner“ oder die Bürgerinitiative „pro Vorarlberg“. Stets drehte sich der Kampf um mehr Länderrechte. Die 1945 erfolgte Gründung einer unabhängigen Zeitung durch Eugen Russ bezeichnete Pichler als ganz entscheidend dafür, dass ein Kampagnen-Journalismus überhaupt möglich war. Die Aktion in Fußach habe Vorarlberg jedenfalls den Mythos beschert, sehr selbständig zu sein. Die immer noch unermüdlich agierende Umweltaktivistin Hildegard Breiner betonte, dass die journalistische Information für viele Projekte wichtig gewesen sei. „Heute bin ich glücklich, dass die Jugend für den Klimaschutz aufgestanden ist“, sagte Breiner. An die Adresse der Wirtschaft ging ihre Feststellung, dass sich auch diese fragen müsse, was ihr für eine lebenswerte Zukunft wichtig sei.

Eine Antwort darauf lieferte Landesbischof Benno Elbs. Er erinnerte daran, dass die Menschheit nur durch Empathie überleben könne. Werte wie Zusammenhalt, Würde und Respekt seien vermehrt zurückgedrängt worden, müssten jedoch wieder in den Mittelpunkt rücken. „Es braucht ein gesellschaftliches Klima, in dem auch die Nöte der anderen gesehen werden“, betonte er. Alt-Landeshauptmann Herbert Sausgruber kam dem insofern nahe, als er anmerkte, dass es genug Spielraum brauche, um gute Lösungen zuwege zu bringen. Eine Zentralisierung könne mitunter sinnvoll sein, aber dann müssten auch die Argumente dafür entsprechend stark sein und die Vorteile überwiegen. „Wir lassen uns nicht mit einfältigen Argumenten das Hemd ausziehen“, erinnerte Sausgruber süffisant an das letztlich gescheiterte Begehren des Bundes, sich die Illwerke einzuverleiben.

Guntram Drexel hob unter anderem die Bedeutung der Medien als Marktplatz hervor, wo sich Angebot und Nachfrage treffen. „Wir investieren in internationale Marktplätze“, ergänzte Eugen B. Russ, der jede neue Technologie als riesige Chance betrachtet. Es gebe zwar auch Risiken, dennoch müsse Technologie immer vorrangig als Chance gesehen werden.

Ein weiterer Höhepunkt war die Übergabe der „Jubiläums-Säule“ durch ihren Schöpfer, Gottfried Bechtold. Die Skulptur, die den Eingang zum Medienhaus ziert, besteht aus 200 Marmorkuben. Das Kunstwerk soll sich quasi hinaus verteilen, indem besondere Persönlichkeiten einen Kubus erhalten. Erste Nutznießer dieser Idee waren die Teilnehmer der Diskussionsrunde sowie Landeshauptmann Markus Wallner. VN-MM

V.l.: Gerold Riedmann, Eugen B. Russ, Gottfried Bechtold, Eugen A. Russ, Guntram Drexel, Hildegard Breiner, Markus Wallner, Markus Raith, Meinrad Pichler, Herbert Hager und Benno Elbs. VN/Steurer
V.l.: Gerold Riedmann, Eugen B. Russ, Gottfried Bechtold, Eugen A. Russ, Guntram Drexel, Hildegard Breiner, Markus Wallner, Markus Raith, Meinrad Pichler, Herbert Hager und Benno Elbs. VN/Steurer

Stimmen von der Podiumsdiskussion

Werte wie Zusammenhalt, Respekt, Wertschätzung und der Blick auf den anderen Menschen sind bedauerlicherweise zurückgedrängt worden. Die Zukunft der Welt wird jedoch die Empathie sein. Wir brauchen aber auch Orte, an denen man gut und menschenwürdig arbeiten kann. Benno Elbs, (58) Landesbischof

 

Es war ein mutiges Unternehmen, vor hundert Jahren eine Zeitung herauszubringen. Gleiches gilt für die Gründung einer unabhängigen Zeitung gleich nach dem Krieg. Dieser Schritt war ganz entscheidend für den Kampagnen-Journalismus. Meinrad Pichler, (71) Historiker

 

Auf politischer Ebene ist es wichtig, dass unterschiedliche Gegebenheiten berücksichtigt werden. In der Stadt braucht es etwas anderes als auf dem Land. Vor allem aber sind genügend Spielräume erforderlich, um aktiv brauchbare Lösungen zustande zu bringen. Deshalb sind Zentralisierungen nicht immer gut. Sie können mehr Bürokratie hervorbringen und teurer werden. Herbert Sausgruber, (72) Alt-Landeshauptmann

 

Wirtschaft findet auf Marktplätzen statt. Dort müssen sich Angebot und Nachfrage treffen, vor allem aber müssen sie transparent sein. Guntram Drexel, Spar Österreich

 

Auch die Wirtschaft wird sich alsbald ernsthaft fragen müssen, was ihr für eine lebenswerte Zukunft tatsächlich wichtig ist. Hildegard Breiner, (83) Umweltaktivistin