Julia beschritt den beschwerlichen Weg vom Mann zur Frau

Vorarlberg / 01.07.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Julia ist endlich im gefühlten Geschlecht angekommen. Das hatte sie sich jahrelang gewünscht. KUM

Julia kam als Bub zur Welt. Dieser hatte ab seinem sechsten Lebensjahr das Gefühl, im falschen Körper zu leben.

Feldkirch Der kleine Marc spielte am liebsten mit Barbie-Puppen. Spielzeugautos, die er geschenkt bekam, machte er innert weniger Minuten kaputt. Dann ließ das Bübchen sie unterm Bett verschwinden. Im Fasching verkleidete sich der Bub am liebsten als Frau. In dieser Rolle lebte er förmlich auf. Mit sechs Jahren erkannte Marc, dass er ein Transgender-Mensch ist. Transgender identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, sondern mit dem Gegengeschlecht. „Ich merkte, dass ich nicht das bin, was ich zu sein schien. Es war ein qualvolles Gefühl. Ich kam mir in meinem Körper wie in einer Zwangsjacke vor, eingeschnürt im falschen Geschlecht.“

Das weibliche Ich unterdrückt

Weil Marc viel weinte und unglücklich war, ging seine Pflegemutter mit ihm zu einem Psychologen. „Ich sagte ihm, dass ich anders bin als andere Jungs. Aber er nahm mich nicht ernst.“ Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, blieb. „Ich habe heimlich Röcke und Stöckelschuhe meiner Pflegemutter angezogen. Alles war auf Lügen aufgebaut. Ich tat mir sehr schwer, so zu leben.“ Mit zwölf Jahren vertraute er sich erneut einem Psychologen an. Er wurde wieder nicht ernst genommen. Aber Marc dachte sich: „Diese Fachfrau wird es schon wissen“, und versuchte danach als „richtiger“ Kerl zu leben. „Ich habe mein weibliches Ich unterdrückt.“ Der Teenager wurde immer unglücklicher. Er begann sich zu ritzen, im Übermaß Alkohol zu trinken und Joints zu rauchen. In diese Zeit fiel auch sein erster Selbstmordversuch.

Mit 15 Jahren outete er sich vor seiner Pflegemutter und seinem leiblichen Vater als bisexuell. „Ich traute mich nicht, ihnen zu sagen, dass ich transsexuell bin.“ Das wagte er erst fünf Jahre später. „Meine Pflegemutter war geschockt. Mein Vater sagte, dass er schon vermutet habe, dass ich anders bin.“ Nach dem Coming-Out war Marc erleichtert, aber noch sehr unsicher. „Ich bin zwischen den beiden Geschlechtern hin- und hergeschwankt.“  

Über eine Bekannte erfuhr er von einer Selbsthilfegruppe in Dornbirn. Die wurde sehr wichtig für ihn. Auch weil man ihn dort ermutigte, den Weg zur Frau zu gehen. Eine Psychologin unterstützte ihn auf diesem Weg. 2017 setzte er mit der Vornamens- und Personenstandsänderung einen ersten Schritt. Aus Marc wurde eine Julia. „Ich muss und will Julia heißen.“ Ab 2018 unterzog sich Julia einer Hormonbehandlung. Nach der geschlechtsangleichenden OP im Oktober 2018 kamen bei der Transfrau Hochgefühle auf. „Jetzt war ich endlich im gefühlten Geschlecht angekommen. Das hatte ich mir jahrelang gewünscht.“ Der Weg zur Frau ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. „Die Brüste müssen noch gemacht und die Barthaare weggelasert werden.“

„Wir sind keine Monster, sondern ganz normale Menschen.“

Transfrau Julia

Früher ertrug Julia ihr Spiegelbild nicht, „weil ich mich und mein Geschlecht gehasst habe“. Heute denkt sie sich, wenn sie in den Spiegel blickt: „Wau, was für eine tolle Frau.“ Endlich kann sie sich selbst lieben. Ihre Selbstliebe zeigt sich auch darin, dass sie ihrem Äußeren viel Aufmerksamkeit schenkt. Ihr hübsches Gesicht ist dezent geschminkt, die Fingernägel sind gemacht, die langen Haare zu einem Zopf geflochten. Julia trägt modische und weibliche Kleidung. Shoppen ist eines ihrer liebsten Hobbys.

Aber sie sammelt auch gerne Informationen zum Thema Transsexualität, damit sie gute Onlineberatung für Menschen im falschen Geschlecht machen kann. Auf Facebook betreibt die gelernte Restaurantfachfrau mit ihrem „Julchen Talk“ einen eigenen Blog. Julia, die seit einem Jahr mit einer Transfrau glücklich zusammenlebt und derzeit eine Anstellung im Gastgewerbe sucht,  möchte transsexuellen Menschen beistehen und Vorurteile abbauen. „Wir sind keine Monster, sondern ganz normale Menschen.“ Hinter der 26-Jährigen liegt ein nervenaufreibender Weg. Aber es lohnte sich, ihn zu gehen. „Ich habe es geschafft, mir als Frau ein neues Leben aufzubauen. Das alte als Mann hätte mich beinahe kaputtgemacht.“