Kulturkampf im Schwimmbad

Vorarlberg / 05.07.2019 • 19:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Bäder sind nicht erst Konfliktzonen, seit über Burkinis diskutiert wird. Schon früh entsponnen sich gesellschaftliche Debatten zwischen Beckenrand und Seeufer. Die gestrenge Obrigkeit wachte argwöhnisch über die Badenden und schränkte ihr Treiben ein. Männer und Frauen mussten in Vorarlberg lange getrennt baden. Die Bregenzer Badeordnung von 1890 verbot sogar „das Herumschwimmen männlicher Personen vor dem Frauenbade“.

Als in Dornbirn 1897 eine Badeanstalt für Schüler geschaffen wurde, überschlug sich das konservative Volksblatt vor moralinsaurem Zorn: Das Bad bestehe nur aus vier Bretterwänden ohne Tür, Aufsicht oder Umkleide und gebe „ein ziemlich genaues Bild von den hiesigen verrotteten Zuständen.“ Dort könne ein- und ausgehen, wer wolle: „Knaben und Mädchen auch zur gleichen Zeit“.

Klerus und Politik führten einen harten Kampf gegen zu lasche Badesitten. In Bregenz waren ab 1926 nur Badekleider erlaubt, „die den Anforderungen des Anstandes und der Sitte entsprechen“. Ein sozialdemokratischer Antrag, ein Familienstrandbad einzurichten, wurde von den Christlichsozialen abgelehnt. Im Juli 1929 eskalierte der Konflikt medial. Das rote Tagblatt kritisierte die Teilung des neuen Schrunser Bades in einen Männer- und einen Frauenbereich. Kaplan Anton Ulrich erboste sich daraufhin im Volksblatt und erwiderte, genug Männer wollten „ihre Frauen und Mädchen vor den Blicken geiler Lebemänner“ schützen. „Zweck des Bades ist das Baden und nicht der Flirt“, so der Geistliche. Die strengen Sitten stießen aber bei vielen Touristen auf Unverständnis. Von ihnen ließ sich der Rankweiler Bürgermeister erweichen und erlaubte Familien, täglich für eine Stunde gemeinsam zu baden. Auch im benachbarten Lindau mussten die Badewächter 1929 einen Rückschlag einstecken. Eigentlich hatte man für die männlichen Gäste Badeanzüge vorgeschrieben, was aber nicht durchsetzbar war, „da die Hälfte der Badenden kurze Badehosen“ trug. Die Badehose wurde schließlich genehmigt, allerdings blieb „die sogenannte Dreikanthose“ verboten.

Das Volksblatt wandte sich 1932 erneut gegen das gemeinsame Baden der Geschlechter: „Die Kirche verurteilt es vollständig, es widerspricht schon dem rein natürlichen sittlichen Empfinden, schon die alten Kulturvölker haben es abgelehnt.“ In der politischen Sprache der Zeit nannte die Zeitung das Gemeinschaftsbad einen „Schädling der Volksgesundheit“. Später wurde in Bregenz doch noch ein Gemeinschaftsbad eingeführt. Die Badebekleidung der Frauen und Mädchen musste aber laut Badeordnung von 1935 „in geziemender Form den Körper von den Schultern bis zu den Schenkeln bedecken“. Auch heute ist das Baden in Vorarlberg abseits der FKK-Strände „nur in üblicher Badekleidung gestattet“, allerdings hat sich verändert, was üblich ist.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at