Welt-Gymnaestrada – ein „Sakrament“

Vorarlberg / 05.07.2019 • 18:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Ich bin ein totaler Fan dieses Festivals vom 7. – 13. Juli, bei dem über 20.000 vor allem jüngere Teilnehmer(innen) aus mehr als 50 Nationen sich in unserem Land treffen und mit synchronen Gymnastik-Darbietungen, Showtanz, Akrobatik, Hochgeschwindigkeits-Turnen, Aerobic, synchronem Geräteturnen und gemeinsamen Großauftritten die Zuschauer begeistern. Das ist für mich ein sakramentales Geschehen. Für viele mag das sehr seltsam klingen.

Das Sakrament des Zigarettenstummels

Leonardo Boff, ein brasilianischer Theologe, schreibt, dass er während des Studiums in Deutschland die Nachricht vom Tod seines Vaters bekommen hatte. Im Brief von daheim lag der Stummel der letzten Zigarette, die der Verstorbene geraucht hatte. Dieses Andenken hält er hoch in Ehren, weil es die dankbaren Erinnerungen an seinen Vater weckt. Die letzte „Kippe“ lässt das Bild seines Vaters immer neu in ihm lebendig werden. Hier wird sichtbar, was ein Sakrament ist, nämlich ein sichtbares oder greifbares Zeichen, das etwas Verborgenes deutlich macht und bewirkt. Und es weist über das sinnlich Wahrnehmbare hinaus auf etwas Größeres, das dahinter steckt.

Das Sakrament der Gemeinschaft und des Miteinanders

Es ist ein großartiges Bild, das unser Land die nächsten Tage prägt: Menschen aus allen möglichen Nationen strömen durch die Straßen, füllen die Eisenbahn und Busse, treten an verschiedenen Orten auf, schlafen in den Turnsälen, werden dort verköstigt. Was in der Kommunion der Messfeier rituell gefeiert wird, geschieht auch in den verschiedensten Formen des gemeinsamen Turnens, Spielens, Zusammen-Seins. Wo Menschen in gutem Geist beisammen sind, weht der Hl. Geist. Wir sind im Blick auf die „Fremden“ aller Art, besonders die Asylwerber, nicht die „Weltmeister“ des guten Zusammen-Lebens. Das Teilen, Aufeinander-Schauen, Einander-helfen, die Gastfreundschaft, all das kommt im Alltag oft zu kurz. Da ist die Gymnaestrada eine gute Trainingseinheit, bei der wir erfahren, dass es immer bereichernd ist, Menschen anderer Länder und Kulturen zu begegnen.

Das Sakrament der Lebenslust und Freude

Ich erinnere mich noch an die letzte Gymnaestrada bei uns vor zwölf Jahren. Überall waren farbenfrohe Gruppen der Teilnehmer(innen) zu sehen. Ein fröhliches Reden, Lachen, Singen überall, auf den Straßen, in den Verkehrsmitteln und Lokalen und die sprühenden Auftritte, ein Genuss für Aug‘ und Ohr. Diese Lust am Leben führt uns zur Quelle, aus der das Leben uns zufließt. „Meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein“, sagt Gott sinngemäß im Buch der Sprüche (8,14). Ein Arzt erklärte mir letzthin: „Wenn man die Menschen nicht mag, kannst du den Beruf nicht ausüben.“ Das gilt für jeglichen Umgang mit Menschen. Und bei Hochzeiten wünsche ich oft, dass den beiden die Freude aneinander und die Lust aufeinander bleibt. Oder bei der Taufe: „Jedes Kind, das auf die Welt kommt, bringt die Botschaft, dass Gott die Lust am Menschen noch nicht verloren hat.“ (R. Tagore). Das wird in diesen Tagen bei uns wieder sichtbar.

Das Sakrament der Ehrenamtlichen

So eine Großveranstaltung wäre ohne die Mithilfe von Tausenden von Ehrenamtlichen gar nicht durchführbar. Unglaublich, wie viel Zeit und Mühe diese investieren. Mit großer Treue und mit Humor verrichten sie verschiedene Dienste, oft im Hintergrund, einfach dort, wo man sie braucht. Es bereitet ihnen offensichtlich Freude, im großen Mosaikbild des Festes ein bunter Stein zu sein, und jeder, jede ist wichtig. Wo immer Menschen für andere da sind, etwas tun, leuchtet das Bild von der Fußwaschung Jesu auf. Da wird sichtbar, wie sehr wir einander brauchen und nach unseren Kräften auch etwas für andere tun sollen. Die innere Freude und Bereicherung ist der einzige Lohn. Dafür sei ihnen allen von Herzen gedankt.

Wenn wir manchmal wegen verschiedener Entwicklungen und Trends unserer Gesellschaft in Sorge und bedrückt sind, dann sollten wir mehr auf diese positiven Zeichen schauen und dankbar sein, dass es auch viel Gutes gibt. Die Gymnaestrada ist ein hoffnungsvolles Beispiel dafür.

Hartinger

Hartinger